NS-Verfolgung und aktuelle Ausgrenzung

NS-Verfolgung und aktuelle Ausgrenzung

Bildungsreise des Netzwerks Sinti Roma Kirchen nach Bologna

Modell einer Lageranlage, im Hintergrund eine Landkarte Mitteleuropas mit markierten Orten

© Chanelle Ruthner

Wie weit die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik über Deutschland hinauswirkte und wie stark Ausgrenzung und Antiziganismus bis heute in europäischen Gesellschaften präsent sind: Das sind zwei bleibende Eindrücke einer Bildungsreise, die des Netzwerk Sinti Roma Kirchen vom 13. bis 17. Juli ins italienische Bologna unternommen hat. 

Verschiedene Generationen von Sinti und Roma nahmen an der Reise teil, darunter Menschen aus mehreren Landesverbänden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, dem Verein Menda Yek e. V., der sich mit psychosozialen Folgen des Holocaust für Sinti beschäftigt, sowie Studierende. Bei Besuchen und Gesprächen in Bologna setzten sie sich gemeinsam mit der Geschichte und Gegenwart von Sinti und Roma in Italien und Europa auseinander. Die Reise verband historische Erinnerung mit der Frage nach heutigen Lebensrealitäten und unserer gemeinsamen Verantwortung.

Lageplan einer Lager-Gedenkstätte in der Hand eines Besuchers

© Chanelle Ruthner

Überraschend starke Ausgrenzung bis heute

Ein Besuch im ehemaligen Druchgangslager Campo Fossoli machte die europäische Dimension der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik unmittelbar erfahrbar. Von dort aus waren während des Zweiten Weltkriegs Menschen unter anderem nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden.

Zugleich überraschte, wie stark Ausgrenzung und Antiziganismus in Italien bis heute wirken. Eine spezielle Stadtführung durch Bologna und besonders die Gespräche in der „Via Django“, wo Sinti-Familien unter ärmlichen Verhältnissen leben, machten deutlich, dass historische Verfolgung nicht losgelöst von heutigen Lebensrealitäten betrachtet werden kann. 

Gruppenfoto vor einem kleinen Haus mit einer Fassade aus einfachen Holzbrettern

© Chanelle Ruthner

Die dort aufgewachsene Autorin und Aktivistin Morena Pedriali Errani berichtete gemeinsam mit ihrer Familie von den prekären finanziellen Verhältnissen, den schwierigen Wohnsituationen, eingeschränkten Bildungschancen und der gesellschaftlichen Ausgrenzung, die die Bewohnerinnen und Bewohner bis heute erleben. Unvergesslich an dieser Begegnung waren für die Gruppe die Gastfreundschaft und der Austausch. 

Systematische Polizeigewalt gehört dort ebenso zur Lebensrealität wie rechtsextremistische Übergriffe in den 1990er Jahren und Schikanen beim Busfahren, die die Teilnehmer:innen der Gruppe selbst erlebten. 

Tanzende Menschen in einem losen Kreis in einem hohen Raum

© Chanelle Ruthner

Parallelen zu den 1960er Jahren in Deutschland

Nachdenklich stimmte bei den Begegnungen in Bologna der Vergleich mit der Situation von Sinti und Roma in Deutschland in den 1960er Jahren: Einige Lebensumstände erinnerten an eine Zeit, in der auch hier Sinti und Roma oft in Armut lebten, räumlich ausgegrenzt wurden und nur eingeschränkten Zugang zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe hatten.

Sowohl Sinti und Roma, deren Familien schon seit Jahrhunderten in Italien oder anderen europäischen Ländern leben, als auch zugewanderte Rom:nja zum Beispiel aus Osteuropa müssen teils unter unmenschlichen Bedingungen leben. Ungeachtet dieser Umstände werden sie dann zu Täter:innen gemacht, wie die in Serbien geborene Aktivistin Ivana Nikolic erklärte. 

Zugleich wurde deutlich, dass auch in Deutschland Antiziganismus und strukturelle Benachteiligungen weiterhin bestehen. Die Gespräche mit den Antiganismus-Forscher:innen Eva Rizzin (Universität Verona) und Luca Bravi (Universität Florenz) halfen, die Beobachtungen der Gruppe für Italien historisch und gesellschaftlich einzuordnen.

Thematisiert wurde auch die besondere Verantwortung der Kirchen und Religionsgemeinschaften: Religion kann ein Ort für Erinnerung, Bildung, Solidarität und Veränderung sein. Gleichzeitig müssen Kirchen ihre eigene Geschichte und Rolle bei der Ausgrenzung von Sinti und Roma kritisch hinterfragen. Erinnerung darf nicht nur an Gedenktagen stattfinden, sondern muss Konsequenzen für kirchliches Handeln in der Gegenwart haben.

Was tun, um die Umstände zu ändern?

Aus den Begegnungen entstand der Wunsch nach stärkerer Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg. Dazu gehören:

  • mehr Engagement vor Ort,
  • Zusammenarbeit mit Sinti und Roma auf Augenhöhe,
  • internationale Netzwerke und gegenseitige Unterstützung,
  • Weitergabe von Erfahrungen aus der Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma,
  • mehr Bildungsarbeit an Schulen und Universitäten,
  • eine stärkere Auseinandersetzung der Kirchen mit Antiziganismus.

Gerade Kirchen können durch ihre Bildungsorte, Gemeinden und internationalen Netzwerke eine wichtige Rolle übernehmen. Sie erreichen Menschen, bei denen politische oder akademische Angebote teilweise nicht ankommen. Deshalb darf Kirche nicht neutral bleiben, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert werden. 

Die Stadtführung und die Gespräche mit Menschen vor Ort zeigten außerdem, wie wichtig es ist, nicht nur über Sinti und Roma zu sprechen, sondern mit ihnen. Ihre Perspektiven müssen Ausgangspunkt für Veränderungen sein.

Gruppenfoto auf einem gepflasterten Platz vor einem Palazzo

© Chanelle Ruthner

Erfahrungsaustausch zwischen älteren und jungen Teilnehmenden

Die älteren Teilnehmenden gaben den Jüngeren in der Gruppe vor allem drei Dinge mit: zusammenhalten, die Problematik nicht unterschätzen und Bildung nutzen.

Die Begegnungen in Bologna zeigten, wie wichtig es ist, die eigene Geschichte und die eigenen Rechte zu kennen. Bildung hilft, Vorurteile zu überwinden und Mechanismen von Diskriminierung zu erkennen.

Auch die Bedeutung von Glauben und religiöser Bildung wurde angesprochen: Kirchen können Räume schaffen, in denen junge Menschen Verantwortung übernehmen, Solidarität entwickeln und sich gegen Ausgrenzung positionieren. Christlicher Glaube muss sich dort zeigen, wo die Würde des Menschen verteidigt wird.

Gedenkstelen mit Ortsnamen

© Chanelle Ruthner

Perspektiven für die künftige Arbeit

Als stärkster Wunsch der Gruppe für die Zukunft wurde echte Gleichberechtigung deutlich. Sinti und Roma soll auf Augenhöhe begegnet werden; sie müssen dieselben Rechte, Chancen und Möglichkeiten haben wie alle anderen Menschen.

Auch die Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma soll stärker Teil der europäischen Erinnerungskultur werden, so eine weitere Schlussfolgerung aus der Reise. Der Besuch in Campo Fossoli hat gezeigt, wie wichtig solche Orte sind. Die Stadtführung durch Bologna und die Gespräche in der Via Django machten zugleich deutlich, dass Erinnerung immer mit der Gegenwart verbunden bleiben muss.

Für die Kirchen bedeutet das, Erinnerung mit Verantwortung und Verantwortung mit konkretem Handeln zu verbinden. Die Geschichte der Verfolgung von Sinti und Roma muss stärker in Bildungsarbeit, Gottesdienste, Predigten und Gemeindearbeit einfließen. Antiziganismus muss klar benannt werden. Kirchen können Orte der Begegnung sein, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion gemeinsam für Menschenwürde und Gleichberechtigung eintreten.

Am Ende der Bildungsreise stand eine zentrale Erkenntnis: Was heute in Teilen Europas an die Lebensbedingungen von Sinti und Roma in Deutschland in den 1960er-Jahren erinnert, darf nicht als unveränderbar hingenommen werden. Veränderung ist möglich – durch Bildung, Selbstorganisation, politische Verantwortung und solidarisches Handeln.

Für die Gruppe wurde damit besonders deutlich: Minderheitenschutz ist Demokratieschutz. Und für Kirchen bedeutet das: Wer die Würde jedes Menschen als Teil seines Glaubens versteht, muss Verantwortung übernehmen, wenn diese Würde verletzt wird. 

Die Autorin Talina Connolly war bis August 2026 als Elternzeitvertretung im Netzwerk Sinti Roma Kirchen an der Evangelischen Akademie zu Berlin tätig.
 

Netzwerk Sinti Roma Kirchen

Netzwerk Sinti Roma Kirchen

Partner im Kooperationsverbund gegen Antiziganismus

Als Mitglied des Netzwerks Sinti Roma Kirchen setzt sich die Evangelische Akademie zu Berlin dafür ein, diskriminierende Strukturen in Gesellschaft und Kirche aufzubrechen und die selbstbestimmte Interessenvertretung von Sinti*zze und Rom*nja in den Blickpunkt zu rücken. Dabei arbeitet sie mit dem …

Gemeinsam Denken

epd-Dokumentation zur Jahrestagung des Netzwerks Sinti Roma Kirchen

Die Jahrestagung 2025 des Netzwerks Sinti Roma Kirchen hat thematisch unmittelbar an die Arbeit der Vorjahre angeknüpft: Einen Schwerpunkt bildete die kirchliche Verantwortung für die Aufarbeitung des Unrechts, das Sinti* und Roma* nach 1945 erlitten. Ebenso erörterten die Teilnehmenden …

Teilen

Talina Connolly

Projekt Sinti Roma Kirchen (Elternzeitvertretung)

Jakob Mirwald

Projektleiter Netzwerk Sinti Roma Kirchen, Kooperationsverbund gegen Antiziganismus

Telefon (030) 203 55 - 583

Anmeldung
Newsletter
nach oben

Cookies und Datenschutz

Unsere Webseite nutzt Cookies zur Verbesserung der Bedienung und des Angebots sowie zur Auswertung von Webseitenbesuchen. Einzelheiten über die von uns eingesetzten Cookies und die Möglichkeit diese abzulehnen, finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.