Beobachtungen in einer veränderten Welt 11

„In jede Richtung Russland“ – Europa begegnen

Beobachtungen in einer veränderten Welt 11 – Tamara Hahn

Corona-Blog Hahn

© EAzB

Für ein gerechtes Europa:  So lautet der Untertitel des Europäischen Bibeldialogs, der in dieser Woche hätte stattfinden sollen. Das Projekt Europa hat es nicht leicht zurzeit. Viele Hoffnungen und Erwartungen wurden nicht erfüllt. Sind unsere Kulturen doch zu unterschiedlich? fragt Tamara Hahn.

Nationale Differenzen hat es auch bei den Europäischen Bibeldialogen immer schon gegeben, z.B.  beim Jugendseminar in Berlin, wenige Monate nach der Krim-Annektierung. Unter den Teilnehmenden auch Russ*innen und Ukrainer*innen. Das Thema der Begegnungstagung war „Vertrauen wagen“.  Das war nicht ganz leicht. Aber: Von Tag zu Tag bröckelten die Feindbilder in den Köpfen immer mehr. Am letzten Abend tanzten alle - Russ*innen, Ukrainer*innen, Lettinnen und Deutsche mit den Rumän*innen Volkstänze, die die Teilnehmer*innen sich gegenseitig beibrachten.  Wie war das passiert? Begegnung und das sehr persönliche Gespräch über Bibeltexte ließen uns auf einer anderen als der nationalen Ebene zusammenkommen: Abraham bricht auf in eine ungewisse Zukunft, noch dazu mit einem sehr schwer zu glaubenden Versprechen im Gepäck.  Eine Studentin aus der Ost-Ukraine erzählte, ihre Familie sitze auf gepackten Koffern, um notfalls nach Westen zu fliehen. Der junge Theologe aus dem russischen Perm erwiderte nachdenklich: „In jede Richtung ist von uns aus immer nur Russland.“ 

Ähnliche Momente gibt es bei den Europäischen Bibeldialogen immer wieder, aber auch Streitgespräche - zum Thema Homosexualität, zur Rolle der Familie, zur Genderfrage, zum liberalen oder dekadenten Westen. Nicht immer sind am Ende alle einer Meinung.  Aber vier Tage mit gemeinsamem Singen und Beten, Essen und Feiern lassen scheinbar fixe, einheitliche Bilder verblassen, weil der/die Einzelne direkt vor mir einfach heller leuchtet oder viel interessantere Kontraste aufzuweisen hat, als irgendein verallgemeinertes Vorurteil.

Die Begegnungstagung „für ein gerechtes Europa“ in Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft Europäischer Kirchen in Europa wurde abgesagt, so wie die anderen Europäischen Bibeldialoge – bis mindestens Ende Juni. Reisebeschränkungen würden solche Begegnungen auch verbieten, wenn sie aus Gründen des Infektionsrisikos nicht ohnehin unverantwortlich wären.  Persönliche Begegnungen auf europäischer Ebene werden wohl noch lange nicht wieder möglich sein.  Aus Tschechien lesen wir, dass man an Grenzschließungen für ein ganzes Jahr nachdenkt. Virolog*innen warnen vor einer zweiten Infektionswelle im Herbst…

Natürlich können sich die, die einander schon begegnet sind, die oft genug Freundschaften begonnen haben,  per Zoom oder Skype, am Telefon oder mit E-Mails (ja sogar mit Briefen) einander Trost und Mut zusprechen. Sie können erfahren, wie sich das, was wir vom anderen Land in der Presse oder im Internet lesen, im Alltag normaler Menschen anfühlt. Sie wissen, warum sich manche Freundin, mancher Freund auf Facebook nur eher verhalten äußert, wenn wir Deutsche selbstbewusst unsere Regierung kritisieren. Ich halte inne, ehe ich den ungarischen Freund*innen klage, dass mir die Decke auf den Kopf fällt oder dass mein Lieblingsrestaurant pleitegeht. Wir bleiben in Kontakt, weil wir einander ja schon als Person wahrgenommen haben: nicht als Polin, Russe oder Niederländer, sondern als Mensch, Christ oder Muslim oder Jüdin oder konfessionslos - Europäer*innen eben;  Brüder und Schwestern, biblisch gesehen.

Was passiert da gerade mit unserem schönen Projekt Europa? Was passiert mit uns Europäer*innen? All die vielen Europäischen Begegnungsprojekte, Austauschprogramme, Freiwilligendienste, die letztlich eine Begegnung auch für die möglich machten, die sich das touristische Erkunden anderer Länder nicht leisten können – sie sind auf unbestimmte Zeit gestrichen.  Wenn ich mein Land nicht mehr verlassen kann, bin ich dann überhaupt noch Europäerin? Gibt es noch Europäer*innen oder sind wir jetzt doch wieder nur Deutsche, Pol*innen, Rumän*innen…? 

Und Europa ist nicht fair zu seinen Bürger*innen. Erst recht nicht zu den Menschen, die an Europas Grenzen auf Einlass hoffen. Während die einen über geschlossene Restaurants klagen, bangen andere, wie sie ihre Miete zahlen können; wenn die einen sicher sein dürfen, notfalls im Krankenhaus alle erdenkliche Hilfe zu bekommen, sorgen sich andere, dass sie zu Hause sterben müssen, wenn Covid-19 sie erwischt.  

Wenn wir uns in dieser Woche beim Bibeldialog in Berlin begegnet wären, hätten wir dann Europa gerechter gemacht? Es waren Menschen aller Generationen aus Deutschland, Lettland, Niederlanden, Tschechien, Ungarn, der Schweiz und der Ukraine angemeldet. Hätten wir mehr geschafft, als unseren eigenen Horizont zu erweitern? Vielleicht wäre das immerhin ein Anfang gewesen; wieder mal ein Anfang, aber immer wieder anfangen ist besser als stehen zu bleiben, nichts zu tun.

„Gerechtigkeit erhöht ein Volk“: Das war der Titel unserer Tagung für ein gerechtes Europa. Nicht militärische Macht oder wirtschaftliche Potenz verleihen einem Volk Ansehen in der Familie der Völker, sondern Gerechtigkeit. Oder wie Augustinus (in seinem 4. Buch über den Gottesstaat) etwas drastischer ausdrückt: Ohne Gerechtigkeit sind die Staaten nichts Anderes als Räuberbanden. Ehrenhaft ist nicht die Bedrohung des anderen innerhalb oder außerhalb unserer Gemeinschaft; ehrenhaft ist nicht das Gesetz des Stärkeren, das Gesetz der Räuber, sondern sind gerechte Beziehungen, gerechte Verträge, gerechte Handlungen. (Hier danke ich meinem ehemaligen Kollegen Dr. Helmut Schwier für die anregende Predigt zum Thema Gerechtigkeit. https://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~d04/predigten/040425.pdf (PDF-Dokument).)  Bis dahin ist es in Europa noch ein weiter Weg (und ein noch weiterer in der Welt). Deshalb: Wir sollten weitergehen und weiterarbeiten an unserem immerhin schon leicht geweiteten Horizont, uns gegenseitig hören und teilhaben lassen an unseren Gedanken, Sorgen und Freuden, einander helfen, wo es uns möglich ist; als Individuen, Menschen, Europäer*innen, Brüder und Schwestern…, damit wir, wenn die Zeit der Trennung hinter uns liegt, nicht wieder ganz von vorne anfangen müssen.

Dr. Tamara Hahn

 

Observations in a changed world 11 – Tamara Hahn
„Russia wherever you turn“ – Encountering Europe

For a fair Europe: that was the subtitle of the European Bible Dialogue that was meant to start today. Project Europe doesn’t have it easy these days. Many hopes and expectations were not fulfilled. Are our cultures too different after all?

We have always had some nationality based differences at the European Bible dialogues, like during the youth seminar in Berlin, a few months after the annexation of Crimea. There were, among young people from several other nations, Russian as well as Ukrainian participants. The topic of this encounter was “Dare to Trust”. That was going to be a tough one. But day by day, the images of the supposed enemy crumbled a bit more until, on the last evening, all participants – Russian, Ukrainian, Latvian, and German - joined the Romanians in folk dances, that participants taught each other. What had happened? Encounter and very personal talk about bible texts that allowed us to meet on grounds other than our national preconceptions. Abraham set out to an unknown future, saddled with a promise that was hard to believe. A student from East Ukraine told us that her family basically lived with bags packed so they might leave, if worse comes to worst. The young theologian from Perm in Russia pondered in return: “Wherever we turn or go, there is always only Russia.”

There have been similar moments, again and again, at the Bible Dialogues, but also disagreements on homosexuality, the role of the family, gender issues, on the liberal or decadent west. More often than not, we just agreed to disagree. But four days of singing and praying together, sharing meals and celebrating will let all seemingly fixed generalized images pale, because the individual in front of me shines so much brighter and has so much more interesting contrast to offer than any prejudiced image of any nation and its people.

The encounter conference “for a fair Europe” – a cooperation with the Community of Protestant Churches in Europe - was cancelled, like so many other European Bible Dialogues – until at least the end of June. Travel restriction would prevent them, even if the risk to be infected did not forbid such encounters anyway. Personal encounters on a European level will be out of reach for a long time. From the Czech Republic, we read that a whole year of travel restrictions are planned. Virologists warn about a second wave of infections this fall…

Of course, all who have already met and got to know each other, who have started friendships during past encounters, they can keep in touch. Via Zoom or Skype, by telephone or e-mails (even letters), they can comfort and encourage each other. They can hear or read how what we read about the other country online or in the papers, how that feels in real life. They will know why some friends are more reluctant to write their thoughts on Facebook when we Germans are criticizing our government. I stop in my words before complaining about how my favorite restaurant may have to close indefinitely or about not being able to go out. We stay in touch, because we already know one another as human beings: not as Poles, Russians or Dutch, but person to person, Christian or Muslim or Jew or without any specific religion – Europeans really; brothers and sisters as the Bible would put it.

What is happening with our beautiful project Europe? What is happening with us Europeans? All those wonderful European projects, exchange and volunteer programs, that have also enabled encounters for those, too, who would never have been able to travel like tourists: all cancelled for an undefined time to come. If I cannot leave my country, am I still European? Are there any Europeans anymore or are we again only Germans, Poles, Romanians…?

And Europe isn’t fair to its Citizens, and certainly less fair to those desperately waiting at its borders to be let in. Even in my own country, while some lament closed pubs, others fear not being able to pay their rent. In some countries, most people can be certain to receive the best of care if they should fall sick, in others, many have reason to worry they may be left to die alone if they contract Covid-19.

If we had been able to meet this week in Berlin, could we have made Europe fairer? People of all generations, from Latvia, the Netherlands, the Czech Republic, Germany, Hungary, Switzerland and Ukraine had registered to participate.  Would we have been able to do more than widen our own horizon? But maybe, that would have been a start at least. Once again a start! But then … starting once more is better than not setting out at all, doing nothing.

Righteousness – fairness exalts a nation. That was the title of our conference “for a fair Europe”. Not military or economic power makes a nation great among the nations, but righteousness. Or as St. Augustine put is more drastically in the fourth of his books on the City of God): “Justice being taken away, then, what are kingdoms but great robberies?” Meaning, without  fairness, states are nothing but bandits, being able to threaten others within or without isn’t what makes a nation - or a family of nations like the European Union - great, not might makes right, the law of thieves, but fair relations, fair contracts fair negotiations. (at this point, I wish to thank my former colleague Dr. Helmut Schwier for his inspiring Sermon on Righteousness. https://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~d04/predigten/040425.pdf (PDF-Dokument).)  Europa has a long way to go to this goal (the world as such even longer). And that is one reason to keep going, step by step and to continue widening our horizons, again and yet again. This is why we need to listen to each other, allowing each other to have part in our thoughts, our concerns and joys, to help wherever we can; as individuals human beings, Europeans, brothers and sisters… so that, when this time of our separation is behind us, we may not have to start all over.

Dr. Tamara Hahn

Dieser Text steht unter CC-0 und darf frei geteilt und modifiziert werden.

 

Dr. Tamara Hahn

Studienleiterin Europäische Bibeldialoge

Telefon (030) 203 55 - 205

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