Beobachtungen in einer veränderten Welt 20

Visionen von Gemeinschaft - Inspiration Pfingsten

Beobachtungen in einer veränderten Welt 20 - Ulrike Metternich

Corona-Blog Metternich

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Es ist keine gute Zeit zu feiern. Wegen Covid-19 werden viele Feste, Geburtstags- und Hochzeitsfeiern abgesagt, selbst Beerdigungsfeiern müssen im kleinen Kreis stattfinden. Das schmerzt, meint Ulrike Metternich. Wie Pfingsten feiern in dieser veränderten Welt?

Vielleicht empfanden es die Menschen, die um 80-90 n. Chr. das Pfingstereignis in der Apostelgeschichte aufschrieben, ebenso. Es war keine gute Zeit das Wochenfest (Schawuot) zu feiern. Eigentlich sollte das Fest nach 3. Mose 23,15-21 am fünfzigsten Tag (griechisch: pentekoste → Pfingsten) nach dem Passahfest gefeiert werden – ein großes Freudenfest für die erste Ernte und für die Gabe der Zehn Gebote an Moses im Tempel zu Jerusalem. Doch die Zeiten hatten sich geändert. Der Tempel lag seit dem Ende des Krieges mit Rom (70 n.Chr.) in Trümmern, die Stadt Jerusalem war verwüstet und kein jüdischer Mensch durfte mehr dorthin. Das schmerzt. Wie sollten sie feiern, vertrieben aus ihren Heimatländern, zusammengewürfelt aus vielen verschiedenen Regionen des großen römischen Reiches? Arm war die meisten: Tagelöhner, Mägde, Knechte, Sklaven und Sklavinnen. Doch sie ermutigten sich mit der Erzählung von dem ersten Wochenfest, das die Jüngerschar nach dem Tod Jesu erlebt hatte. (Apg 2)

Es war keine gute Zeit zum Feiern gewesen damals, jedenfalls nicht für die, die sich ohne IHN verlassen fühlten. Von allen Himmelsrichtungen strömten die Menschen in freudiger Stimmung zum Tempel. Auch die Jüngerschar saß zusammen, las die Tora – doch ohne IHN – und das schmerzte. Jetzt passierte etwas, was sie nicht in Sprache fassen konnten: Freudenschauer, Begeisterung, leuchtende Augen, blitzende Gedanken und funkelnde Lichter, „sie alle wurden von heiliger Geistkraft erfüllt und begannen in anderen Sprachen zu reden...“ (Apg 2,4). Allen öffneten sich die Ohren und alle konnten alle Sprachen verstehen. Von allen Seiten hörte man das Lob Gottes, jüdisch, aramäisch, griechisch, lateinisch, syrisch, arabisch, ägyptisch... . Etwas war passiert, doch was? Petrus gab der Begeisterung Worte und zitierte den Propheten Joel: „... in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich von meiner Geistkraft ausgießen auf alle Welt, dass eure Söhne und eure Töchter prophetisch reden, eure jungen Leute Visionen schauen und eure Alten Träume träumen. Auch auf meine Sklaven und auf meine Sklavinnen will ich in jenen Tagen von meiner Geistkraft ausgießen, dass sie prophetisch reden.“ (Apg 2,17f.) Petrus meinte: Die Worte des Propheten Joel gelten jetzt. Ihr seid die Söhne und Töchter Gottes, auf euch gießt Gott seinen Geist aus und auf alle, die den Namen Gottes anrufen. Gott loben in der je eigenen Muttersprache, ein multilinguales und multikulturelles Freudenfest: Fünfzig Tage nach Ostern, fünfzig Tage nachdem Jesus auferstanden ist, steht hier in Jerusalem die Gemeinde auf. So wie er, der Sohn Gottes, gestorben und auferstanden ist, so stehen sie jetzt auf, als Töchter und Söhne Gottes. Jetzt stehen sie auf, ermutigen einander, heilen die Kranken und teilen ihr Brot und ihr Einkommen. (Apg 2, 46f).

Ja, es ist im Moment keine gute Zeit zu feiern. Aber es ist eine gute Zeit, um die Pfingsterzählung wieder und wieder zu hören. Es ist eine gute Zeit, das Vertrauen in die Geistkraft Gottes zu stärken, die uns aus der Verzweiflung reißt. Pfingsten: Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und mit den unterschiedlichsten Sprachen verstehen einander und erfahren sich als Töchter und Söhne Gottes, als eine Gemeinschaft, die füreinander da ist und miteinander handelt.

Ulrike Metternich ist promovierte Neutestamentlerin, ordinierte Theologin und Autorin. An der Evangelischen Akademie zu Berlin leitet sie die „Feministische befreiungstheologische Sommerakademie“.

 

Dr. Ulrike Metternich

Projektstudienleitung Feministische befreiungstheologische Sommerakademie

Telefon (030) 203 55 – 508 (über Silke Ewe)

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