Sterben und Leben

sterben & leben

Eine Reflexion über das Leben von seinem Ende her

Osterblog

© EAzB / Ulf Beck

Es fehlt im öffentlichen Diskurs an Aufmerksamkeit für das Sterben. Dabei wäre sie nötig, um gute Rahmenbedingungen für die Arbeit all jener zu schaffen, die haupt- oder ehrenamtlich in der Sterbebegleitung arbeiten und sich engagieren – und damit diese Zuwendung selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft wird. Ein Plädoyer von Akademiedirektorin Friederike Krippner.

Es gibt einige Bücher über den Tod, manche auch von Menschen, die selbst in den letzten Monaten ihres Lebens geschrieben haben oder interviewt wurden. Berührend sind sie fast alle. Eines der eindrücklichsten solcher autobiographischer Dokumente von Sterbenden ist nun knapp 40 Jahre alt: die 1984 erschienenen »Diktate über Sterben & Tod« des Juristen Peter Noll. Der aus einem Pfarrhaus stammende Noll, ein bekannter Professor für Strafrecht und enger Freund des Schriftstellers Max Frisch, bekam Ende 1981 im Alter von 55 Jahren die Diagnose Blasenkrebs. Eine möglicherweise lebensverlängernde Operation lehnte er ab. Er fürchtete die physischen Folgen des Eingriffs – den Katheter, die drohende Impotenz – und die hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Krebs trotz allem zurückkommen würde. Vor allem aber entsprach die Hoffnung auf Verlängerung seiner Lebenserwartung durch diese drastische Operation nicht Nolls Vorstellung von leben und sterben. Er wollte seine verbleibende Lebenszeit bewusst nutzen. In der Eindeutigkeit der Diagnose, in der medizinischen Gewissheit, dass ihm nur noch sehr wenig Zeit blieb, sah er die Chance, dem Tod sehenden Auges entgegenzutreten.

Und das tat er. Noll beendete seine Arbeit an der Universität. Zwischen Diagnose und Tod lagen gut 10 Monate. In ihnen fuhr er Ski in den Schweizer Alpen, ging spazieren, aß gut und traf enge Freunde und Familie. Vor allem aber dachte er schreibend nach. Dabei kam eine Art Tagebuch des Sterbens heraus. Der letzte Eintrag datiert auf den 30. September 1982. Am 9. Oktober starb Peter Noll. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin wurde das Manuskript posthum veröffentlicht, begleitet von Max Frischs Totenrede. In dem so entstandenen Buch lässt der nüchterne Noll uns in schlanker Prosa an seinen Gedanken teilhaben. Ihn bewegt das Sterben, klar beschreibt er die physischen Prozesse, die er an sich wahrnimmt, die stärker werdenden Schmerzen, die Gemütsschwankungen; er reflektiert juristisch wie philosophisch die Möglichkeit des Freitods; er rechnet aber auch bisweilen schlecht gelaunt mit der Jurisprudenz ab; und er reflektiert sein Verhältnis zu Gott. Die »Diktate« sind eine Reflexion über das Leben von seinem Ende her. Diese Denkbewegung des Buches ist programmatisch zu verstehen. Das Leben, es erscheint banal ohne den Tod. Es gibt dazu eine eindrückliche Textstelle, in der Noll überlegt, was bei seiner Beerdigung gesagt werden solle:

»Ich habe mehrere Lebensläufe, verschiedene, die nicht miteinander übereinstimmen, bis heute nicht. Es gibt einen Leistungslebenslauf – das ist derjenige, der normalerweise vorgewiesen wird. Es gibt einen Liebeslebenslauf, einen Sexlebenslauf, einen Trägheitslebenslauf, einen Frustrationslebenslauf. Einen Lebenslauf der Niederlagen und der Pyrrhussiege. Insgesamt war mein Lebenslauf langsam und gewunden – trotz dem gegenteiligen Eindruck, den man von meiner juristischen Schreiberei haben kann. Erst jetzt ist er schneller geworden und linearer, abgesehen von kleineren Windungen, die ich mir nicht mehr abgewöhnen kann. Welche Daten ich auch immer auswähle, es wird eine irreführende Darstellung werden.

Die Gedanken über Sterben und Tod sind da schon wesentlich klarer. Ich stelle mir eine ganz kurze Predigt vor, in der ich das Publikum – eine Trauergemeinde ist keine Gemeinde – mit dem einzigen konfrontiere, was für jeden einzelnen mit Sicherheit feststeht: mit seinem Ende.« (Peter Noll: Diktate über Sterben & Tod, S. 114)

Der Tod ist »Woanders«

Peter Nolls »Diktate« sind damit ein gut 250 Seiten langes Bestreben, uns, den (noch) Lebenden, ein Nachdenken über das Existentielle unseres Daseins abzuringen.

Denn obgleich er alle ereilt: Der Tod scheint doch meist weit weg. Das ist eine so häufige Feststellung, dass sie fast banal klingt. Aber sie ist darum nicht weniger wahr. Wir haben den Tod aus unserem Leben zu einem guten Teil verbannt. Das Mehrgenerationenhaus, in dem einstmals geboren und gestorben wurde, hat schon seit Jahrzehnten ausgedient. Eine Kehrseite des medizinischen und industriellen Fortschritts ist, dass nicht mehr mitten unter uns gestorben wird, sondern meist an einem Ort des »Woanders«. Woanders, das ist im Krankenhaus, in einem Pflegeheim, manchmal auch zuhause, dann aber in aller Regel abgeschirmt von dem, was wir als unser normales Leben empfinden. Der Tod hat im streng getakteten Leben zwischen Berufstätigkeit, Familie und anderen Verpflichtungen keinen rechten Ort. Weitere Indizien dafür, dass wir den Tod in ein »Woanders« wegorganisiert haben, sind die schwindende Praxis der Aufbahrung von Menschen und die gängige Diskussion, ob und wenn ja, ab welchem Alter, Kinder bei einer Beerdigung dabei sein sollten.

Wir verlieren den Tod buchstäblich aus den Augen – und damit auch das Leben.

Er habe, so klagte der Journalist Tobias Haberl kürzlich im Süddeutsche Magazin, noch keinen Toten gesehen. Haberl ist immerhin 45 Jahre alt. Aber er ist mit diesem fehlenden Erfahrungshorizont in der Mitte des Lebens sicher keine Ausnahme. Der Journalist plädiert eindringlich dafür, diesen Umstand allgemein zu ändern. Ihm schwebt ein »obligatorisches Angebot, den Tod kennenzulernen« vor. (SZ Magazin, 30.7.2021) Firmen könnten ihre Mitarbeitenden freistellen, Universitäten ihre Studierende, mit dem Ziel, dass diese einen sterbenden Menschen begleiten könnten oder wenigstens in einem Bestattungsunternehmen hospitieren. Haberls Essay, den er als Gedankenexperiment verstanden wissen will, schlägt damit in die gleiche Kerbe wie Peter Nolls »Diktate«: Der Tod geht die Lebenden an.

Aber es geht natürlich nicht nur um die Lebenden. Ganz sicher geht es mindestens ebenso um die Sterbenden. Man könnte meinen, die globale Pandemie, die unser Leben nun seit über anderthalb Jahren bestimmt, habe Sterbende und Tote näher ans uns herangeholt: die Bilder der gestapelten Särge in Italien, die Massenverbrennungen der Toten in Indien, die Bilder von Tablets in Krankenhäuser, aufgestellt mit dem einzigen Zweck, dass Sterbende und ihre Angehörige einander ein letztes Mal anblicken konnten. Es gab Interviews vom ganzen Globus mit völlig erschöpften Pflegenden, mit Ärztinnen und Ärzten, die in der Pandemie trotz totaler Überlastung bei den Sterbenden blieben, weil die Angehörigen nicht zu ihnen durften. Für eine Bilanz, was diese Bilder und Worte für das Verhältnis von Leben, Sterben und Tod machen, ob sie das gesellschaftliche Bewusstsein für den Tod tatsächlich nachhaltig zu verändern vermögen, ist es noch zu früh. Der Verdacht liegt nahe, dass die Sehnsucht nach einem »back to normal« zu groß sein dürfte.

Kein Mensch sollte alleine sterben müssen

Was man aber wohl doch sagen kann: Das Bewusstsein dafür, dass Menschen am Ende ihres Lebens der intensiven Begleitung bedürfen, dass Sterbende schlicht nicht allein gelassen werden dürfen, dieses Bewusstsein ist doch gewachsen. Corona wirkt hier, wie so oft, als Brennglas für Probleme, die es schon vorher gab. Auch schon vor der Pandemie sind Menschen mitten unter uns, hier in Deutschland alleine gestorben. Sie waren allein, weil es keine Angehörigen gab oder weil diese weit weg waren; weil die Menschen schon vorher einsam waren; weil in dem Moment schlicht niemand am Krankenhausbett saß.

Es gibt heute eine große Aufmerksamkeit für Geburt und unsere ersten Wochen und Monate im Leben. Das Neugeborene wie auch seine Eltern sind im Blick. Jede krankenversicherte Frau in Deutschland hat ein Recht auf eine Hebamme. (Dass dieses Recht aufgrund der unattraktiven Bezahlung frei arbeitender Hebammen schon jetzt manchmal ad absurdum geführt wird, steht auf einem anderen Blatt.) Es gibt Unternehmen, die Mahlzeiten für das Wochenbett anbieten, Kurse zur Vor- und Nachbereitung der Geburt, es gibt eine große Diskussion darüber, wie die ersten Wochen und Monate auf dieser Erde optimal und möglichst stressfrei zu gestalten seien. Mag auch nicht jede Ausbuchtung dieses Diskurses wünschenswert sein, so bleibt doch ein Eindruck: Eine ähnlich große Aufmerksamkeit im öffentlichen Diskurs für das zweite Ereignis, das uns alle betrifft, das Sterben, sucht man vergeblich.

Natürlich gibt es sie, die zahlreichen Haupt- und Ehrenamtlichen, die in der Sterbebegleitung arbeiten und sich engagieren. Ärztinnen, Pfleger, Palliativmediziner, Psychiaterinnen, Seelsorgende und viele ehrenamtlichen Sterbebegleiterinnen sind da, am Ende des Lebens. Sehr häufig pflegen Angehörige bis zum Schluss, in aller Regel sind das Frauen, die dafür in Teilzeit gehen oder gleich ganz auf ihren Beruf verzichten. Unser Ziel muss es e sein, ihnen allen die gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit zu schenken, die es braucht, um gute Rahmenbedingungen für ihre Arbeit zu schaffen. Aufmerksamkeit braucht es aber auch, damit diese Arbeit, diese Zuwendung nicht im Abseits geschieht, sondern selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft wird.

Kein Mensch sollte alleine sterben müssen. Und wir, die wir noch leben, tragen dafür die Verantwortung. Denn der Tod geht uns alle an.

Peter Noll, der Schweizer Jurist, beklagt in seinen »Diktaten« immer wieder, dass alle ihn nochmal sehen wollten, es artet in das aus, was wir heute Freizeitstress nennen. Und doch gibt er zu, dass ihm die Aufmerksamkeit auch gut tut. Am Ende wollte Noll nur noch den engsten Kreis um sich haben. Ungefähr 6 Wochen vor seinem Tod bat er seine Tochter Rebekka von einer Reise zurückzukehren. Das war eine für ihren unabhängigen Vater ungewöhnliche Bitte, wie sie in ihren Erinnerungen an die letzten Tage ihres Vaters schreibt. Sie brach die Reise ab, fuhr zu ihrem Vater und blieb bis zum Schluss. Das war wichtig für den Vater – und für sie.

Die Autorin Friederike Krippner ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und Direktorin der Evangelischen Akademie zu Berlin. Der Text erschien zuerst im Newsletter für Engagement und Partizipation in Deutschland Nr. 17/2021 des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE).

Krippner, Friederike 2020

Dr. Friederike Krippner

Akademiedirektorin

Telefon (030) 203 55 - 505

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