Eine deutsche Taufschale mit afrikanischer Inschrift

Eine deutsche Taufschale mit afrikanischer Inschrift

Eine Fallstudie zur kolonialen Geschichte der Mission

Taufschale

© Lize Kriel, University of Pretoria

Missions- und Kolonialgeschichte sind eng miteinander verflochten. Anhand der bewegten Geschichte einer Taufschale zeigt die Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Lize Kriel von der Universität Pretoria die Verflechtung von Mission und politischen Entwicklungen. Die Schale stammt aus einer ehemaligen Station der Berliner Mission im heutigen Südafrika, deren Bewohnerinnen und Bewohner im Zuge der Apartheid vertrieben wurden. Auch zeigt sie, wie sich afrikanische Christinnen und Christen früh auf kreative Weise christliche Symbole aneigneten. Der nachfolgende Text von Lize Kriel behandelt das Thema ihres Vortrags in der Reihe „Mission und Kolonialismus. Gespräche zu einer postkolonialen Erinnerungskultur“, die wir gemeinsam mit dem Berliner Missionswerk veranstalten.

Eine Taufschale wird im christlichen Glauben für das zentrale Ritual der Taufe verwendet. Im konkreten Fall handelt es sich um ein Produkt des deutschen Industriedesigns aus dem späten 19. Jahrhundert, das in einer afrikanischen Sprache, Sepedi, beschriftet ist. Damit steht es nicht nur für den christlichen Anspruch auf Universalität, sondern auch für Hybridität und kulturelle Übersetzung: afrikanische Anpassung und Aneignung westlicher Praktiken. Diese Taufschale wurde in den Ruinen einer Missionskirche gefunden, die aufgegeben wurde, als die südafrikanische Regierung während der Apartheid eine afrikanische Gemeinde gewaltsam vertrieb. Die Schale steht somit auch für die koloniale Vertreibung und wirft Fragen nach Landbesitz, Zugehörigkeit und sozialer Gerechtigkeit auf.

Indem man mehr über diese Taufschale herausfindet – woher sie stammt, wer sie verwendet hat und wann sie ausrangiert wurde – eröffnet sie einen Zugang zu Südafrikas umkämpfter Vergangenheit. Methodisch habe ich einen kulturgeschichtlichen Ansatz gewählt, um diesen Gegenstand als vieldeutigen Bedeutungsträger zu untersuchen – nicht nur als Teil eines transkontinentalen Netzwerks, sondern auch in einem lokalen, transkulturellen Kontext. Die Anthropologen John und Jean Comaroff (1991, S. 200) haben dies als die „lange Konversation“ zwischen europäischen Missionaren und afrikanischen Christen bezeichnet. 

Aus Missionsgründungen entsteht eine Konfession

Die Missionsstation Wallmansthal, auf der die Schale gefunden wurde, wurde 1869 von der Berliner Missionsgesellschaft gegründet. Die Farm lag etwa dreißig Kilometer nördlich von Pretoria, der heutigen Hauptstadt Südafrikas. Sie wurde zur Heimat afrikanischer Konvertiten, die aus den Reihen der Kekana-Ndebele und anderer vorkolonialer nördlicher Sotho-Völker kamen (Van Rooyen, 1953, S. 15-20). In der Mitte des 20. Jahrhunderts zählte die Gemeinde etwa 550 Menschen (Schulze 2006, S. 456). Zusammen mit mehreren anderen deutschen protestantischen Missionsgesellschaften trug die Berliner Mission zur Entstehung einer christlichen Konfession bei, die heute in Südafrika als „lutherisch“ bezeichnet wird. Nach einem Jahrhundert unter der Vormundschaft weißer Missionare wurde die afrikanische Kirche in den 1970er Jahren als Evangelisch-Lutherische Kirche Südafrikas unabhängig (Pakendorf, 2011, S. 115).

Bekannt ist, dass eine evangelische Gemeinde in Bochum der Wallmansthaler Kirche 1870 eine Kirchenglocke schenkte (Van Rooyen, 1954, S. 26). Deshalb ist davon auszugehen, dass die Taufschale ebenfalls aus dieser Zeit stammen könnte. Der zugehörige Krug trägt die Marke von Gerhardi & Co. Aufgrund des Jugendstildesigns und der Tatsache, dass die Firma Gerhardi in Lüdenscheid sehr produktiv in der Herstellung von Zinnguss im Jugendstil war (Online-Enzyklopädie), scheint ein Herstellungsdatum nach 1890 wahrscheinlich.

Solche als „Taufgeschirr“ bezeichneten Schalen und Krüge werden noch heute hergestellt und verwendet. Einige Kirchengemeinden zeigen auf ihren Websites Bilder von alten und neuen Taufschalen als Teil der materiellen Zeugnisse ihres Erbes. Genau das gleiche Design, das die Evangelische Kirche von Illertissen in Deutschland auf ihrer Website zeigt, wird noch heute in der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Masealama (ehemals Gemeinde Kratzeinstein der Berliner Missionskirche) in der südafrikanischen Provinz Limpopo verwendet (Joubert, 2015).

Viele Taufschalen werden mit Versen aus der Bibel beschriftet. Das Zitat auf der Wallmansthaler Schale ist eine verkürzte Fassung von Matthäus 19,14: „Lasset die Kindlein zu mir kommen, (...) denn ihrer ist das Himmelreich.“ Was diese Schale zu einem außergewöhnlichen Objekt der Transkulturalität macht, ist die Tatsache, dass ihre Inschrift in der frühen Rechtschreibung der lokalen afrikanischen Sprache Sepedi erscheint: „Lesang bana batle gonna, ka gobane mmuso oa Modimo ki oa bona.“

Symbol für das Eintauchen in eine fremde Art zu leben

Die Schale wurde in den Gottesdiensten auf den Missionsstationen auf die gleiche Weise verwendet wie in den evangelischen Kirchen in Deutschland: Der Pfarrer besprengte die Stirn der Kinder der afrikanischen Christen mit Wasser, das aus dem Krug in die Schale gegossen wurde. Die ersten afrikanischen Konvertiten wurden jedoch als Erwachsene getauft, nachdem sie gezeigt hatten, dass sie die Bibel ausreichend verinnerlicht hatten und nachdem sie die weißen Missionare von ihrem Bekenntnis zum Glauben und zu den Praktiken des Christentums überzeugt hatten (das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein mit westlichen Zivilisationsvorstellungen verwoben war).

Für diese Konvertiten war die Taufschale ein Symbol für ihr rituelles Eintauchen in eine fremde Art zu denken, zu leben und zu glauben. Und doch war sie in ihre eigene Sprache eingeschrieben, was Möglichkeiten der kulturellen Übersetzung und der selektiven Aneignung eröffnete. Ebenso schuf dies Möglichkeiten, die fremde Kultur mit eigenen Interpretationen zu durchringen, sie mit dem Einheimischen und Vertrauten zu verknüpfen und sie im Vorgriff auf sich verändernde Umstände mit neuen Bedeutungen aufzuladen. Die Taufschale reflektiert somit die umfassenderen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Umgestaltungsprozesse infolge der kolonialen Begegnung – allerdings mit einer Betonung auf der afrikanischen Widerstandsfähigkeit.

Ein Spiegelbild weltgeschichtlicher Entwicklungen

An dem Ort, an dem die Wallmannsthaler Taufschale verwendet wurde, spielten sich diese Prozesse in einer Reihe von Abschnitten ab, die indirekt auch mit breiteren weltpolitischen Entwicklungen zusammenhängen: Bis zum Ersten Weltkrieg lebte auf dem Wallmannsthaler Land eine afrikanische christliche Bauerngemeinschaft. Um die finanzielle Krise der Nachkriegszeit zu bewältigen, verkaufte die Berliner Mission 1936 einen großen Teil des Hofes und übertrug den (ausschließlich schwarzen) afrikanischen Käufern die Eigentumsrechte an ihren Grundstücken. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war Wallmannsthal ein lebhafter afrikanischer Ort, dessen Bewohner den wirtschaftlichen Vorteil hatten, in der Nähe der Arbeitsmöglichkeiten in Pretoria zu leben (Van der Merwe, 1987, S. 69, 135).

Im Jahr 1967 vertrieb die Apartheid-Regierung gewaltsam alle Einwohnerinnen und Einwohner. Dies betraf auch die Christen der Berliner Mission, die noch auf dem Gelände der Farm lebten, auf der sich die Kirche und andere Gebäude der Missionsstation befanden (Schulze, 2005, S. 458). Wallmannsthal wurde zu einem Militärstützpunkt und Waffendepot für das südafrikanische Militär. In den späten 1980er Jahren, als der Kalte Krieg noch die internationalen Beziehungen bestimmte und die weiße Bevölkerung Südafrikas langsam die Notwendigkeit politischer Reformen erkannte, erwog die Armee, das Gelände zu restaurieren. Diese Pläne wurden jedoch nie verwirklicht.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde die Wallmannsthaler Farm im Rahmen einer erfolgreichen Landklage an die Nachkommen der Besitzer aus dem frühen 20. Jahrhundert zurückgegeben. Doch die zunehmende Beanspruchung der begrenzten Ressourcen stellt die wiedereingesetzten Landbesitzer vor große Herausforderungen: Wie lässt sich eine kommunale Infrastruktur bereitstellen, wie mit illegalen Landbesetzungen umgehen und wie ein nachhaltiger Lebensunterhalt für eine wachsende Bevölkerung erwirtschaften (eNCAnews, 2018)?

Heute ist die Evangelisch-Lutherische Kirche Südafrikas eine von mehreren christlichen Konfessionen im Land mit missionarischen Wurzeln. Viele Südafrikanerinnen und Südafrikaner gehören unabhängigen oder afrikanisch gegründeten Kirchen an – und zunehmend auch internationalen Kirchen mit Wurzeln in anderen Teilen des Globalen Südens. Der Prozess, dem Christentum eigene Bedeutung und Aussagekraft für den lokalen Kontext zu verleihen, geht weiter.

Die Autorin Dr. Lize Kriel unterrichtet Visual Culture Studies an der Universität Pretoria und erforscht seit 20 Jahren die historischen Beziehungen zwischen Afrikanerinnen, Afrikanern sowie europäischen Siedlerinnen und Siedlern im nördlichen Südafrika. Der Text ist die freie Übersetzung eines Artikels, den Kriel auf der Homepage des Projektes  „Exploring Visual Cultures“ veröffentlicht hat. Die deutsche Fassung wurde für die Website des Berliner Missionswerks erstellt und erscheint hier in leicht bearbeiteter Form.

2022 9 Mai

Abendforum

Berliner Missionswerk

Verflochtene Geschichte

Materielle Zeugnisse von Mission und Kolonialismus

Missions- und Kolonialgeschichte sind eng miteinander verflochten. Missionare zogen im 19. Jahrhundert in weite Teile der Welt unter den Bedingungen des politischen Kolonialismus aus. Sie mussten sich - unterstützend, kollaborierend, duldend oder… weiter
2022 8 Jun

Abendforum

Haus der EKD

Missionare, Missionarsfrauen und Diakonissen

Ein schwieriges Verhältnis in der Kolonialzeit

Missions- und Kolonialgeschichte sind eng miteinander verflochten. Missionare zogen im 19. Jahrhundert in weite Teile der Welt unter den Bedingungen des politischen Kolonialismus aus. Sie mussten sich - unterstützend, kollaborierend, duldend oder… weiter
Krippner, Friederike 2020

Dr. Friederike Krippner

Akademiedirektorin

Telefon (030) 203 55 - 505

Anmeldung
Newsletter
nach oben

Cookies und Datenschutz

Unsere Webseiten verwenden Cookies zur Verbesserung der Bedienung und des Angebots sowie zur Auswertung von Webseitenbesuchen. Einzelheiten über die von uns eingesetzten Cookies und die Möglichkeit diese abzulehnen, finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.

Cookienote speichert die Angaben, die Sie im Consent-Manager treffen. Dieser ist zum datenschutzkonformen Betrieb der Webseite im Einsatz.

Wir verwenden Matomo zur datenschutzfreundlichen Webanalyse. Die anonymisierten Daten liegen auf unseren Servern und werden nicht an Dritte weitergegeben.

Unsere eingebundenen Landkarten nutzen Kartenmaterial von Google Maps. Bei der Nutzung dieser Funktion wird Ihre IP-Adresse an Google LLC. weitergegeben.

Die Videos auf dieser Webseite werden mit Hilfe des externen Dienstes YouTube eingebunden. Mit Ihrer Zustimmung über die Aktivierung der Anzeigefunktion wird eine Verbindung zu den Servern von YouTube hergestellt. Dabei werden Nutzungsdaten wie Ihre IP-Adresse an externe Server von YouTube und Google übermittelt und Cookies gesetzt.