"Schuld muss in unsere Geschichte einsickern"

„Schuld muss in unsere Geschichte einsickern“

Theologischer Impuls zur Versöhnung mit Namibia

© Bildarchiv der Deutschen Kolonialgesellschaft, Universitätsbibliothek Frankfurt am Main / Bildnummer: 023-0266-12

Solange in Deutschland nur geringes Schuldbewusstsein besteht, kann mit Blick auf die deutschen Kolonialverbrechen in Namibia nicht von Versöhnung gesprochen werden. Dies stellte Katharina von Kellenbach in ihrem theologischen Beitrag zu unserer Veranstaltung „Restorative Justice?“ fest, bei der es um den ins Stocken geratenen politischen Prozess der Versöhnung mit Blick auf den Genozid an den Ovaherero und Nama ging. Von Kellenbach bezog sich in ihren Überlegungen auf die Erklärung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die sich 2017 unter der Überschrift „Vergib uns unsere Schuld“ zum Völkermord im früheren Deutsch-Südwestafrika geäußert hatte. In der Erklärung spricht die EKD mit Blick auf die deutsche Kolonialgeschichte in Namibia und den Genozid christliche Kernthemen von Schuld und Vergebung, Sünde und Versöhnung an.

Politische Verbrechen zeichneten sich dadurch aus, dass sich die Täter staatlich und kirchlich autorisiert wüssten, betonte von Kellenbach, die Referentin unseres Projekts Bildstörungen ist: „Die Kolonisten und Missionare, Soldaten und Beamten fühlten sich nicht im Unrecht. Ihre Triumphzüge wurden gefeiert, ihnen wurden Statuen gewidmet und ihre Namen stehen in Geschichtsbüchern.“ An die Opfer werde bis heute kaum gedacht. Doch erst in der Auseinandersetzung mit den Opfern der Geschichte und durch detailliertes historisches Wissen über Kolonialisierung und Missionierung entstehe ein Schuldbewusstsein. Und dieses sei die Grundvoraussetzung einer Bitte um Versöhnung, betonte von Kellenbach. 

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Versöhnung meine also nicht Erlösung von der Schuld. Die Theologin skizzierte drei bildhafte Vorstellungen, die den Diskurs zur Schuldvergebung dominieren: Schuld werde erstens oft als schweres Gewicht, als Last und Bürde angesehen. Dies impliziere, dass Schuld „aufgehoben“ werden könne und wir „erleichtert“ und „befreit“ werden könnten. Ein zweites gängiges Bild sei das von Schuld als einer Krankheit oder Verwundung, die geheilt werden könne. Drittens werde Schuld oft als Unreinheit und Schandmal begriffen, wobei Versöhnung zur Reinigung und Beseitigung des Makels werde. Gerade in der protestantischen Theologie werde die Gnade der Rechtfertigung dann so verstanden, als könne die Bürde der Schuld, der Makel der Sünde die durch Untaten entstandenen Verletzungen einfach verschwinden und ungeschehen gemacht werden. „So, als könne ein neuer Adam entstehen, der nie gesündigt hat.“

Versöhnung als Prozess von Reue, Bekennen und Wiedergutmachung

Von Kellenbach stellte diesen Vorstellungen ein anderes Verständnis von Versöhnung entgegen. Sie griff dabei auf das alte Bußsakrament zurück, nach dem Versöhnung im Prozess der Reue (contritio cordis), des Bekennens (confessio oris) und der Wiedergutmachung (satisfactio opere) entsteht. Dieser Transformationsprozess lasse sich auch für den öffentlichen Raum der politischen Versöhnung fruchtbar machen: Der Genozid an den Ovaherero und Nama müsse erst in das öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Dies geschehe erstens durch öffentliche „Rituale der Reue und Verwerfung“ – wie zum Beispiel durch die angekündigte Entschuldigungsbitte der Bundesregierung oder durch den Text der EKD, durch Gedenkzeremonien, Gerichtsprozesse oder durch die Entfernung von Statuen und Umbenennungen von Straßen, die Kolonialverbrecher verherrlichen.

Notwendig seien zweitens „Rituale der Wahrheitsaufdeckung“ – etwa durch Wahrheitskommissionen und Bildungsinitiativen, in Familien- und Missionsgeschichte – und drittens „Rituale der Restitution“ wie die Rückführung von Gebeinen und Raubkunst, Entschädigungszahlungen, Investitionen in Infrastruktur oder in Bildungs- und Kulturprogramme. Ziel dieser zeichenhaften Rituale, die stellvertretend und wiederholt stattfinden sollten, sei nicht nur die Erneuerung der Beziehungen mit den Opfern – also den Ovahereo und Nama – sondern die Erneuerung unseres Eigenverständnisses, betonte von Kellenbach. „Versöhnung bedeutet, die eigene Identität und Geschichte neu zu verstehen und dadurch eine ganz andere Zukunft möglich zu machen.“

Jahrelanger Verhandlungsprozess mit umstrittenem Ergebnis

Die Regierungen Deutschlands und Namibias hatten im Mai 2021 nach jahrelangen Verhandlungen ein Abkommen präsentiert, das Versöhnung ermöglichen und Reparationszahlungen auf den Weg bringen sollte. Die Bundesregierung erkennt in dem Abkommenstext eine historische und moralische Verantwortung für die deutschen Kolonialverbrechen an und bezeichnet den Massenmord an Zehntausenden Ovaherero und Nama – ausdrücklich aus heutiger Perspektive – als Völkermord. Doch sowohl der Verhandlungsprozess als auch die Ergebnisse stehen seitdem in der Kritik, weshalb das Abkommen bis heute nicht unterzeichnet wurde. Die Kritiker*innen des Abkommens sind enttäuscht, dass die neue Bundesregierung bisher keine Neuverhandlungen in Betracht zog. Die namibische Regierung dagegen hat sich jüngst die Forderung nach Neuverhandlungen zu eigen gemacht, um das Abkommen zu ergänzen.

Kritiker*innen des Abkommens bemängeln unter anderem, die Vertreter*innen der Opfergruppen (Ovaherero Traditional Authority und Nama Traditional Leaders Association) seien nicht in den Prozess der Verhandlungen einbezogen gewesen. Neuverhandlungen sind aus ihrer Perspektive daher unumgänglich. Einige Vertreter*innen der Ovaherero und Nama lehnen das Abkommen zudem ab, weil Deutschland darin nur moralische, aber keine rechtliche Verantwortung für den Völkermord übernimmt. Kritisiert wird auch, die angebotene Wiederaufbauhilfe von 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre sei im Grunde nur Entwicklungshilfe, gehe aber am Kernproblem der Gerechtigkeit und Versöhnung vorbei. Andere Vertreter*innen der Ovaherero und Nama haben den Verhandlungsprozess begleitet und wenden sich gegen neue Verhandlungen.

Den gesamten Vortrag von Katharina von Kellenbach können Sie in dem Audio-Mitschnitt weiter oben auf dieser Seite nachhören. Auf die Wiedergabe der im Vortrag genannten Abbildungen verzichten wir hier aus Gründen des Urheberrechts

2022 14 Sep

Abendforum

Haus der EKD / Online

Restorative justice?

Theologische und politische Perspektiven auf Versöhnung mit Namibia

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Dr. Katharina von Kellenbach

Dr. Katharina von Kellenbach

Projektreferentin für „Bildstörungen: Elemente einer antisemitismuskritischen pädagogischen und theologischen Praxis“

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