Als Protestantin in der Minderheit

Als Protestantin in der Minderheit

Gedanken einer italienischen Waldenserin | Blog | Alice Jahier

© Jonas Klinke / EAzB

Als Mitglied einer religiösen Minderheit steht die junge Waldenserin Alice Jahier im katholisch geprägten Italien außerhalb des Mainstreams. Obwohl sie mit ihrer alternden Kirche hadert, fühlt sie sich ihr zutiefst verbunden und ist geprägt von ihrer Tradition des Helfens und des Engagements für die Schwächsten der Gesellschaft.

Italien ist bekanntlich ein überwiegend katholisches Land. Der Katholizismus ist mehr denn je ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen und politischen Systems. Aktuell ist das an der neuen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zu sehen, die ihr Katholischsein betont und den Schulterschluss mit rechtskonservativen Katholik*innen sucht. Ich dagegen gehöre zur Gemeinschaft der Waldenserinnen und Waldenser.

Als Zweig des Protestantismus sind sie eine Minderheit, deren Mitglieder sich auf bestimmte Gebiete Italiens konzentrieren und im Vergleich zu den Katholik*innen eine sehr kleine Gruppe darstellen. Die Zugehörigkeit zur waldensischen Minderheit bedeutet, dass man weniger Anerkennung und Respekt von der Gesellschaft bekommt. Dass es immer weniger Protestant*innen in Italien gibt, schwächt die Gemeinschaft zusätzlich.

Dies zeigt sich daran, dass die waldensische Kirche mit ihren Aktivitäten nur wenige Menschen erreicht. Besonders waldensische Jugendliche gehen zunehmend auf Distanz zu ihrer Kirche und haben immer weniger Vertrauen in sie. Die Kirche wird so immer mehr zu einer alternden Institution, in der vor allem alteingesessene und traditionalistische Erwachsene bleiben. Junge Menschen zieht sie bei ihren Aktivitäten kaum noch in Betracht.

Warum ich meiner Kirche trotzdem verbunden bleibe? Ich gehe seit mehr als zehn Jahren in die Kirche und habe am Katechismus-Unterricht teilgenommen. Mit 16 Jahren wurde ich getauft und habe dann mehrere Jahre lang Kindergruppen angeleitet. Ich habe in der Kirche ehrenamtlich für Bedürftige gearbeitet, älteren Menschen geholfen und Aktivitäten für Kinder organisiert. Mit der Corona-Krise wurden die Kontakte zu den Jugendlichen schwächer und verschwanden langsam. Die Kirche nahm uns als selbstverständlich wahr – und dann sind wir weggezogen. Ich hörte nicht auf zu glauben, ging sonntags ab und zu in die Kirche, um die Kinder anzuleiten oder bei gemeinsamen Aktionen mitzumachen, aber ich spürte keine Unterstützung.

Was mich mit meiner Kirche verbindet, ist die Liebe, die ich für meinen Großvater empfinde. Er hat mir die Kirche nahegebracht und mir jeden Tag von der Geschichte der Protestant*innen in den Waldensertälern – meiner Vorfahr*innen – erzählt, von ihrer Stärke und ihrem Widerstand. Was mich mit ihr verbindet, ist der Wunsch, die Dinge in Zukunft zu verändern. Junge Menschen sollen sich in der Kirche mehr wertgeschätzt und akzeptiert fühlen, was derzeit nicht der Fall ist.

Wie man auch als religiöse Minderheit etwas bewirken kann? Die waldensische Kirche unterscheidet sich sehr von der katholischen Kirche. Das habe ich nicht nur als Kind gelernt, sondern auch mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Händen gespürt. Aktion, Einfallsreichtum und Engagement sind Eigenschaften, die ich als zentral für den Protestantismus betrachte. Die Protestant*innen versuchen, etwas zu bewirken – aber paradoxerweise ohne den zwanghaften Wunsch, eine Wirkung zu erzielen. Sie tun gute Taten für die Bedürftigen – zum Beispiel geben sie Italienischunterricht, verteilen Mahlzeiten und Kleidung, organisieren Freizeitaktivitäten und Arbeitsangebote – und hoffen auf das Ergebnis.

Das ist eine sehr realistische und praktische Sicht auf das Leben, und das spüre ich auch in mir selbst: den schieren Willen, denen zu helfen, die weniger Glück haben als ich. Wirkung müssen wir erzielen, indem wir für die Menschenrechte kämpfen, für die Schwächeren, indem wir denen eine Stimme geben, die keine haben, indem wir für die Freiheit derer kämpfen, die sie nicht einfordern können, indem wir uns unserer Privilegien bewusst werden und zugunsten anderer Menschen auf sie verzichten. Der Einfluss, den die evangelische Kirche ausüben will, ist der Kampf gegen Ungleichheit und dafür, dass alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben, der Kampf gegen Kriege und Gewalt, gegen jede Art von Diskriminierung oder Minderwertigkeit. Immer.

Warum ich mich im Vorstand des ökumenischen Begegnungszentrums Agape engagiere: Mein Großvater baute vor vielen Jahren – 1947, nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Widerstand gegen den Faschismus in Italien – mit seinen eigenen Händen das Centro Ecumenico Agape mit auf: ein großes Gebäude aus Steinen und Holz, das Menschen  unterbringen sollte, die nach dem Krieg aufgenommen werden mussten. Sie sollten ein Leben mit anderen Menschen führen können, indem sie Mahlzeiten, Arbeit und ein Zuhause teilten. Dieser Ort, den es heute noch gibt, war und ist für mich ein Ort des Wachstums und der Entwicklung – ein Ort, an dem ich mein Selbst und meinen Glauben entdecken kann.

Christsein bedeutet für mich, Agape zu geben und zu empfangen, Liebe und Brüderlichkeit, und schließlich Frieden zu teilen. Christsein, das ist der Einsatz für Sicherheit, Freiheit, Vertrauen und Schutz, der Einsatz gegen alle Arten von Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Gewalt. Konkret bedeutet das, dass ich Frieden schließen möchte. Ich möchte es jedem Menschen ermöglichen, Frieden zu finden, und das ist keineswegs ein triviales Unterfangen, besonders in der heutigen Welt. Frieden sollte nie als selbstverständlich angesehen werden.

Alice Jahier (24 Jahre) ist Master-Studentin in Internationaler Zusammenarbeit und Globalen Studien in Turin (Italien). Sie ist Vorstandsmitglied des Centro Ecumenico Agape, eines ökumenischen Begegnungszentrums im Piemont. Derzeit absolviert sie ein Praktikum an der Evangelischen Akademie zu Berlin und unterstützt dort den Arbeitsbereich gesellschaftspolitische Jugendbildung und die Werkstatt TROTZDEM!

Für die Playlist zum Adventsblog hat Alice Jahier das Lied „Nous marchons dans la lumière“ in einer Aufnahme von Kompa Céleste ausgewählt.

Die ganze Playlist zum Adventsblog TROTZDEM!

TROTZDEM! Ein Adventsblog

Der Advent liegt in unseren Breiten in der dunklen Jahreszeit: Die Tage sind kurz und kalt, auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule ist es ebenso dunkel wie auf dem Heimweg. In diesem Jahr lösen Dunkelheit und Kälte selbst in einem so reichen Industrieland wie Deutschland Beklemmung aus. Hohe …

Trotzdem! Die Werkstatt der Evangelischen Akademie zu Berlin.

TROTZDEM!

Es geht ums Ganze: Ob Klimawandel, wachsende Ungleichheit oder neue Kriege in Europa, um nur ein paar Beispiele zu nennen – die Herausforderungen der Gegenwart scheinen unlösbar. Gegen Perspektiv- und Mutlosigkeit setzen wir Trotz und Hoffnung. Denn gerade jetzt ist der Moment, die Zukunft …

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