Stolz – und in Sorge

Stolz – und in Sorge

Eine afghanische ehemalige Ortskraft berichtet | Blog

© Jonas Klinke / EAzB

Nur dank Tausender einheimischer Helferinnen und Helfer war die Arbeit deutscher Institutionen in Afghanistan zwischen 2002 und 2021 möglich. Als die Taliban die Macht im Land übernahmen, hat das viele dieser „Ortskräfte“ in akute Lebensgefahr gebracht. Mehrere Tausend von ihnen sind inzwischen in Deutschland in Sicherheit, aber viele weitere warten auf eine Ausreise oder bangen um Angehörige, die noch im Land sind und von den Taliban bedroht werden.

Mehr als ein Jahrzehnt lang habe ich für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit in Afghanistan gearbeitet, unter anderem für die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ). Bevor die demokratische Regierung in Afghanistan 2021 scheiterte, war ich Leiter des GIZ-Projektbüros zur Förderung der Rechtsstaatlichkeit in Nordafghanistan. Zuvor hatte ich Jura studiert und wurde Mitglied der unabhängigen Menschenrechtskommission Afghanistans im Norden des Landes.

Bei dieser Tätigkeit und auch bei allen meinen Tätigkeiten davor ging es darum, Rechtsfragen zu regeln, die Rechtsstaatlichkeit bekannter zu machen und die Einhaltung von Menschenrechten und Menschenwürde voranzubringen. Was wir vertraten, stand fanatischen islamistischen Überzeugungen immer entgegen und stand auch im Widerspruch zu manchen schädlichen Traditionen. Mitte 2011 wurde ich Programmleiter bei der GIZ und später zum Teamleiter für Nordafghanistan befördert. Ich bin stolz, Teil dieses Teams gewesen zu sein, denn der GIZ gelangen in dieser Zeit wichtige und großartige Projekte.

Im Dezember 2020 erhielt ich die erste Warnung von den Taliban; sie wurde dreimal wiederholt. Die Warnung stand im Zusammenhang mit meiner Arbeit als Leiter des Projektbüros für Rechtsstaatlichkeit und für verwandte Projekte. Ich wechselte für sieben Monate ins Homeoffice und zog mich aus der Öffentlichkeit zurück. Dann empfahl mir mein Vorgesetzter, ich solle mich für das Ortskräfteverfahren bewerben, also für eine Aufnahme in Deutschland. Meine Arbeit für die GIZ hatte immer im Licht der Öffentlichkeit stattgefunden. Deshalb war es einfach für die Taliban, mich als Ziel zu identifizieren, und genau das hatten sie getan.

Das Ortskräfteverfahren verlief positiv für mich: Ich erhielt eine Aufnahmezusage von Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt galt die Zusage für mich und meine Kernfamilie. Weil die Konsularabteilung der Deutschen Botschaft in Kabul seit dem Attentat auf die Botschaft 2017 geschlossen war, sollte ich mein Visum beim Büro der Internationalen Organisation für Migration (IOM) erhalten. Mit den Mitgliedern meiner „Kernfamilie“ zog ich daher nach Kabul.

Zwischenzeitlich hatte ich weitere Drohungen der Taliban erhalten, obendrein ein „Gerichtsurteil“ der Taliban, das mir große Sorge bereitete. Ich wandte mich damit an das Büro, das für das Ortskräfteverfahren zuständig war. Meine übrigen Familienmitglieder bat ich, ebenfalls aus Mazar-i-Scharif nach Kabul zu kommen, da ich zu diesem Zeitpunkt noch überzeugt war, dass die Hauptstadt nicht in die Hände der Taliban fallen würde.

Wegen der angespannten Situation konnte ich mein Visum nicht beim IOM-Büro abholen. Zum Glück gelang es mir schnell, als Übergangslösung ein Visum für das Nachbarland Tadschikistan zu bekommen. Ich erhielt es nur eine Woche, bevor Kabul in die Hände der Taliban fiel. Währenddessen wartete ich weiter auf mein deutsches Visum. Die IOM bat um Geduld, weil so viele Anträge bei ihr eingegangen seien. Weil die Situation inzwischen äußerst angespannt war, bat ich die IOM, mir unsere Pässe zurückzugeben, um zumindest vorerst ins Nachbarland reisen zu können und dort auf das deutsche Visum zu warten. Am 15. August 2021 – dem Tag, an dem Kabul in die Hände der Taliban fiel – saß ich schließlich im Flieger. Morgens um 8:20 Uhr verließ ich die Stadt, die nur wenige Stunden später von den Islamisten übernommen werden sollte.

Ich rechne es der deutschen Regierung hoch an, dass sie so viele Menschen in Sicherheit gebracht hat, die sich in Gefahr befanden. Diese Evakuierungen unter schwierigen Bedingungen waren eine historische Geste, und sie gehen immer noch weiter.

Mit einem Teil meiner Familie konnte ich Afghanistan verlassen, aber meine erwachsenen Kinder blieben in Kabul, wo wir die letzten Monate im Land zusammen verbracht hatten. Kabul war die letzte Stadt, die in die Hände der Taliban fiel; meine Heimatstadt Mazar stand da längst unter ihrer Herrschaft. Zwei Tage, nachdem ich in Tadschikistan ankam, besuchten die Taliban mein Haus in Mazar und fragten meine Nachbarn nach mir. Als sie erfuhren, dass ich nicht mehr dort sei, fragten sie nach meinen Söhnen. Leider ist es ihre Art, Söhne für die „Schuld“ ihrer Väter zu bestrafen und umgekehrt.

Zu diesem Zeitpunkt befanden sich meine Söhne zum Glück schon in Kabul. Derzeit verstecken sie sich bei Verwandten. Jedesmal, wenn wir miteinander sprechen, bitte ich sie inständig, sich bedeckt zu halten und nicht nach draußen zu gehen. Was mich belastet, ist die Gegenfrage meiner Söhne: Vater, wie lange noch? Denn wie lange kann ich von ihnen verlangen, sich in einem Haus versteckt zu halten? Es schadet schon jetzt ihrer psychischen Gesundheit.

Ich bin derweil hier in Deutschland mit einem Teil meiner Familie sicher. Aber ich mache mir immerzu Sorgen um meine Kinder, die ich zurücklassen musste und die infolge meiner Arbeit für die deutsche Regierung eine ungewisse Zukunft haben. Ja, ich bin gerettet, aber meine Sorgen bleiben.

Unser Autor hat im Norden Afghanistans mehr als zehn Jahre für deutsche Einrichtungen der Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet. Vor seiner Ausreise 2021 war er Leiter eines Projektbüros der GIZ, der zentralen Ausführungsorganisation für die staatliche deutsche Entwicklungszusammenarbeit. Wegen der andauernden Gefahr für seine Familienmitglieder möchte er seinen Namen nicht veröffentlicht wissen.

Für die Playlist zu unserem Adventsblog haben wir zu diesen Beitrag das Lied "Banoo-e Atash Nesheen" der afghanischen Sängerin Aryana Sayeed ausgewählt.

Die ganze Playlist zum Adventsblog TROTZDEM!

TROTZDEM! Ein Adventsblog

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Podium mit Luise Amtsberg MdB

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