„Demokratie braucht Begegnung“
Fragen zur Berliner Abgeordnetenhauswahl

© EAzB / Karin Baumann
Wofür sollte der künftige Berliner Senat stehen? Was braucht unsere Gesellschaft gerade jetzt, und was können Kirche und Diakonie dazu beitragen? Kurz vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus hat die evangelische Wochenzeitung Die Kirche Akademiedirektorin Friederike Krippner zu ihren Erwartungen befragt.
Die Kirche: Welchen politischen Vertreter, welche politische Vertreterin würden Sie gerne zu sich ins Haus einladen? Über was würden Sie mit ihr reden, was würden Sie ihr zeigen, wen würden Sie treffen?
Friederike Krippner: Ich habe das Glück, mit vielen Politiker:innen regelmäßig zu sprechen – an dieser Stelle eine herzliche Einladung zu unserer Veranstaltung Berlin wählt! am 8. September. Ich werde unter anderem Steffen Krach (SPD), Elif Eralp (Linke) und Stefan Evers (CDU) Fragen stellen: Was für ein Berlin wollen sie – in Bezug auf Mobilität, Bildung, Wohnraum? Wen und was brauchen sie dazu – aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kirche? Hoffentlich habe ich dann noch Zeit, sie zu fragen, warum sie trotz dieser bewegten Zeiten gerne in der Politik sind. Ich bin sehr gespannt auf die Antworten!
Die Kirche: Beschreiben Sie ein konkretes Beispiel dafür, was in den vergangenen Jahren in Ihrem Bereich gut gelaufen ist.
Krippner: Wir haben viel mehr Teilnehmende als vor der Pandemie. Menschen sehnen sich offenbar nach Räumen des Austauschs, nach Orientierung, nach Impulsen und nach gemeinsamem Nachdenken. Dass die Veranstaltungen unserer evangelischen Akademie diese Sehnsucht aufgreifen und Menschen miteinander ins Gespräch bringen, empfinde ich als einen der schönsten Erfolge der vergangenen Jahre.
Die Kirche: Was sind die größten Herausforderungen in Ihrem Arbeitsbereich?
Krippner: Das oben Gesagte stimmt - und doch stimmt auch: Wir merken, dass die Emotionen einiger Teilnehmerinnen und Teilnehmer manchmal so stark sind, dass sie Gespräche behindern können. Eine bleibende Aufgabe für uns ist es, immer wieder neu zu fragen: Wie gelingt es uns Räume zu schaffen, in denen Menschen sich überhaupt einlassen können auf die Idee, der oder die andere könnte Recht haben?
Die Kirche: Für welche Eigenschaften sollte der Berliner Senat stehen? Beschreiben Sie ihn in drei Worten. Welche konkrete Forderung haben Sie an den nächsten Senat?
Krippner: Der Berliner Senat sollte demokratisch, lösungsorientiert und mutig sein. Demokratisch, weil Politik vom Kompromiss lebt, aber der Kompromiss da enden muss, wo die liberale Demokratie ausgehöhlt werden soll. Lösungsorientiert, weil es genügend Herausforderungen gibt, die keinen Aufschub mehr vertragen - gehen wir sie also bitte an! Und mutig, weil Politikerinnen und Politiker immer den Willen brauchen, Entscheidungen auch gegen viele Widerstände zu treffen.
Vom Berliner Senat wünsche ich mir, dass er die demokratische Infrastruktur dieser Stadt stärkt. Dass er Begegnungsräume – Schulen, Kultur, Religionsgemeinschaften und Zivilgesellschaft – fördert. Denn Demokratie kann nur leben, wo Menschen einander begegnen.
Die Kirche: Welche Rolle können Kirche und Diakonie aus Ihrer Perspektive in der Gesellschaft spielen?
Krippner: Kirche und Diakonie übernehmen so viele, ganz konkrete wichtige Aufgaben, dass sie hier nicht alle genannt werden können. Im Blick auf ihren Beitrag zur liberalen Demokratie, der ja bei uns in der Evangelischen Akademie im Zentrum steht, gilt: In ihren vielen guten Momenten schaffen Kirche und Diakonie Möglichkeiten der Teilhabe und Wirksamkeit. Sie sind unbequem kritisch, wenn Menschenwürde infrage steht, aber sie helfen, wo Wärme fehlt. Kirche und Diakonie sind zudem auch im ländlichen Raum tätig und daher relevante Player der demokratischen Kultur. Darauf sollten wir selbstbewusst bauen.
Die Antworten sind zusammen mit denen weiterer Vertreterinnen und Vertreter kirchlicher und diakonischer Einrichtungen zuerst in Ausgabe Nr. 37/2026 der Wochenzeitung Die Kirche erschienen.
Erschienen am 25.08.2026
Aktualisiert am 02.09.2026


