Generation im Abseits
Plädoyer für echte demokratische Mitsprache für junge Menschen

© Karin Baumann / EAzB
Jugendliche und junge Erwachsene blicken oft frustriert auf Politik und Kirche. In der Evangelischen Wochenzeitung Die Kirche erklärt Studienleiterin Hannah Schilling, warum es für einen echten Generationendialog mehr braucht als klassische Beteiligungsangebote:
In meiner jugendpolitischen Bildungsarbeit erlebe ich oft junge Menschen, die frustriert sind: von den Bedingungen, unter denen sie arbeiten, und den mangelnden Möglichkeiten, sich ein Leben aufzubauen, das ihnen entspricht. „Wir werden nicht gehört!“ und „Unsere Perspektiven und Realitäten wiegen nichts in politischen Entscheidungen“, sind Sätze, die ich in Gesprächsrunden zwischen Politiker:innen und Jugendlichen häufig höre. Die Antwort der Entscheidungsträger*innen lautet dann viel zu oft: Wenn das so ist, engagiert euch doch, in politischen Parteien oder in kirchlichen Gremien!
Das ist gut gemeint – und doch im Subtext fatal. Denn es impliziert die Haltung, dass es vor allem in der Verantwortung der jungen Menschen selbst liegt, dass ihre Belange gesehen und ernst genommen werden. Wie könnte ein nachhaltiger und stärkender Dialog zwischen den Generationen gelingen? Als Grundlage des Dialogs sollte die gemeinsame Verantwortung in den Fokus rücken. Die junge Generation steht für unsere Zukunft. Und die Themen, die junge Menschen beschäftigen, sind gesamtgesellschaftlich relevant und betreffen gesamtgesellschaftliche Aufgaben. Seien es Fragen des Wohnens, der Bildung oder des Klimaschutzes – in all diesen Bereichen brauchen wir einander, um sie gut zu gestalten.
Die Perspektiven von jungen Menschen sind dabei essenziell. Sie erinnern uns daran, dass wir gemeinsam eine Zukunft bauen müssen, und zwar im Hier und Jetzt, – von der Hoffnung getragen, dass sie gut werden kann. Wir brauchen also Dialogformate, in denen die Generationen gemeinsam an Themen und Lösungen arbeiten und sich als gleichwertig begegnen. Das impliziert, eine von adultistischen Strukturen geprägte Praxis zu verlernen.
Was heißt das konkret? Wenn man Jugendliche einlädt, sich an den vorhandenen „Erwachsenenstrukturen“ zu beteiligen, ist von Anfang an ein Machtgefälle eingebaut, nach dem Motto: Wir machen so weiter wie bisher, und ihr könnt ja mitmachen. Wenn Jugendliche in den bestehenden Strukturen aber wenig mitgestalten, sollten wir uns nicht wundern. Der Vorwurf, die Jugend sei nicht engagiert oder nicht zuverlässig genug, ist da schnell zur Stelle. Doch damit stereotypisieren wir und lenken von uns selbst ab. Transformation für eine zukunftsfähige Gesellschaft ist harte Arbeit für jede:n. Sie kann auch bedeuten, von Strukturen Abschied zu nehmen, die bisher Halt geben, und Gewohnheiten zu verlernen.
In der diesjährigen intergenerationellen Familienakademie How to train your parents gehen wir diese Aufgabe an und laden Kinder, Jugendliche und Erwachsene ein, demokratisches Miteinander zwischen den Generationen zu üben und Machtstrukturen in der Familie zu reflektieren. Kinder und Jugendliche erarbeiten dabei mit altersgemäßen Methoden ihre eigene Sichtweise auf das Thema und gestalten die Veranstaltung mit, sodass Erwachsene von ihnen lernen können.
Natürlich ist die Bewegung auf die Jungen hin keine Einbahnstraße. Aber: Wir leben in einer alternden Gesellschaft, es gibt heute schon viel mehr über 60-Jährige als Kinder unter zehn Jahren. Allein dadurch sind die Perspektiven junger Menschen unterrepräsentiert. Sie brauchen daher Mitstreiter:innen und eine Lobby. Instrumente wie der Jugendcheck, mit dem Gesetzesvorhaben auf ihre Auswirkungen auf junge Menschen zwischen 12 und 27 Jahren hin geprüft werden, sind wegweisend: Sie verankern die Perspektiven junger Menschen institutionell und machen sie so vom Engagement junger Menschen unabhängiger. Ähnliche Instrumente könnten auch für kirchenpolitische Entscheidungen genutzt werden.
Für einen gelingenden Dialog müssen wir also weg von einer Ebene kommen, die von Appellen und von einer Frontenbildung bestimmt ist. Es geht um die Gestaltung von Beziehung. Von Begegnung als Menschen, nicht als Repräsentanten unterschiedlicher Altersgruppen. Perspektiven entstehen, wenn Menschen sich gesehen fühlen, mit ihrer Geschichte, und nicht, weil sie eine Kategorie und Rolle erfüllen und als solche mit am Tisch sitzen (dürfen). Fangen wir an!
Erschienen am 23.04.2026
Aktualisiert am 23.04.2026


