„Für Frauen ist Frieden viel mehr als die Abwesenheit von Krieg“

„Für Frauen ist Frieden mehr als Abwesenheit von Krieg“

Was können Frauen zur Versöhnung beitragen?

Porträtfoto von Jadranka Milicevic

© CURE Foundation

Die Frauenrechts- und Friedensaktivistin Jadranka Miličević engagiert sich seit den 1990er Jahren für Frieden, Versöhnung und den Abbau diskriminierender Strukturen in ihrer Heimat Bosnien und Herzegowina. Zum Auftakt unserer Veranstaltungsreihe Female Times! 100 Jahre Weltgebetstag berichtet und diskutiert sie am 14. September über gelebte und verpasste Diskussion auf dem Balkan und in Deutschland. Vorab haben wir mit ihr über die Rolle von Frauen und von Religion in Versöhnungsprozessen gesprochen.

Wie sind Sie ausgerechnet während des Kriegs zur Frauenrechtsaktivistin geworden?

Miličević: Nachdem ich im Juni 1992 aus meiner belagerten Heimatstadt Sarajevo nach Belgrad gezogen war, hatte ich das Gefühl, etwas tun zu müssen. Von Belgrad aus wurde die Aggression gegen Bosnien und Herzegowina geführt, und ich fand es meine Pflicht, etwas zum Ringen um Frieden beizutragen. Ich schloss mich der Friedensgruppe Frauen in Schwarz an. Mit ihr nahm ich an Antikriegskampagnen teil und half vielen Geflüchteten dabei, in Serbien ihre Grundrechte wahrzunehmen. Besonders wichtig war es mir, Kontakte zu Frauen aus Sarajevo, aus ganz Bosnien und Herzegowina sowie aus der gesamten Region aufzubauen. Denn ich war überzeugt, dass wir nur durch Zusammenarbeit dazu beitragen konnten, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden.

Wie hat sich Ihr Engagement seitdem verändert?

Miličević: Während der Kriegsjahre von 1992 bis 1996 stand für uns die humanitäre Hilfe an erster Stelle, weil die Menschen unter enormen Entbehrungen litten und schlicht ums Überleben kämpften. Zu unseren Hauptaufgaben gehörte es, Einzelfallhilfe zu leisten, Familien zusammenzuführen, nach Vermissten zu suchen und Verletzte in Sicherheit zu bringen. Nach 1996 habe ich weiterhin viele Einzelpersonen unterstützt, aber mich – unter anderem mit der CURE-Stiftung – zunehmend auf Aktivitäten konzentriert, die zum Beispiel durch Gesetze und Konventionen dazu beitragen, die Rechte und Bedürfnisse aller Bürgerinnen und Bürger von Bosnien und Herzegowina zu schützen. 

Was können speziell Frauen zur Versöhnung beitragen?

Miličević: Für Frauen ist Frieden viel mehr als nur die Abwesenheit von Krieg. Für uns bedeutet Frieden Gleichberechtigung, Toleranz und Respekt für gesellschaftliche Vielfalt. Er bedeutet, frei von Hassrede, Diskriminierung und Gewalt zu leben und die Freiheit zu haben, zu leben, wo man will, die eigene Meinung zu äußern und über die eigene Lebensführung zu entscheiden. Frieden hängt auch von der Achtung der Menschenrechte, von wirtschaftlicher Sicherheit, sozialer Sicherheit und einer stabilen, demokratischen Gesellschaft ab.

Wir bei der CURE-Stiftung sind überzeugt, dass dauerhafter Frieden mit Bildung anfängt. Er erfordert, dass man durch Dialog und Toleranz, durch den Kampf gegen Diskriminierung und durch Versöhnung über die Grenzen ethnischer Gruppen hinweg die Beziehungen zwischen den Menschen stärkt. Ebenso wichtig sind aktive Bürgerbeteiligung, eine starke Zivilgesellschaft und die Zusammenarbeit mit öffentlichen Institutionen. Wir glauben außerdem, dass es für einen gerechten und dauerhaften Frieden unerlässlich ist, eine Erinnerungskultur zu bewahren, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und jeden Einzelnen zu ermutigen, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.

Welche Rolle kann Religion bei der Versöhnung spielen?

Miličević: Religion kann eine wichtige Rolle spielen, denn alle Glaubenstraditionen fördern Frieden und Respekt für andere. Im Laufe der Geschichte hat Religion Menschen dazu inspiriert, sich in höchstem Maße menschlich zu zeigen. Aber sie wurde auch missbraucht, um im Namen Gottes schreckliche Verbrechen zu rechtfertigen. Ich glaube, dass Religion nie die eigentliche Ursache für Hass, Konflikte oder Krieg ist. Kriege werden eher von politischen und wirtschaftlichen Interessen als von der Religion selbst angetrieben. Alle Weltreligionen predigen Gerechtigkeit, Mitgefühl, Liebe, Vergebung und viele weitere Werte, die mit Krieg zutiefst unvereinbar sind.

Religion kann daher als starke moralische Kraft für die Versöhnung wirken. Indem sie universelle Werte wie Empathie, Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und Menschenwürde fördern, können religiöse Führungsfiguren und Gemeinschaften dazu beitragen, Konflikte auf lokaler wie auch auf globaler Ebene zu überwinden. Wie Eleanor Roosevelt einmal gesagt hat: „Es reicht nicht aus, über Frieden zu sprechen. Man muss an ihn glauben. Und es reicht nicht aus, an ihn zu glauben. Man muss sich dafür einsetzen.“ Durch interreligiösen Dialog und Bildung können wir viel für Versöhnung, Vergebung und Gewaltfreiheit tun. Religion kann auch zum friedlichen Zusammenleben in konfliktgeplagten Gemeinschaften und in der Gesellschaft insgesamt beitragen, indem sie allen Menschen guten Willens Hoffnung, Solidarität und Wohlergehen bringt.

Was kann Deutschland aus den Erfahrungen von Bosnien und Herzegowina mit Versöhnung lernen – und mit der Rolle der Frauen dabei?

Miličević: Deutschland hat wertvolle Erfahrungen darin, die Vergangenheit aufzuarbeiten und Versöhnung zu fördern. Die Erfahrungen von Bosnien und Herzegowina fügen dem eine zusätzliche Perspektive hinzu: Versöhnung muss damit beginnen, die Lebenserfahrungen der Überlebenden und besonders der Frauen anzuerkennen und zu respektieren. Die Geschichte jeder Frau sollte anerkannt und respektiert werden, und jede Frau sollte die Möglichkeit bekommen, ihr Leben in Sicherheit, Gleichberechtigung und Freiheit neu aufzubauen. Die Stimmen der Frauen sollten in Versöhnungsprozessen nicht als nebensächlich behandelt werden, sondern als unverzichtbar für den Aufbau von Vertrauen, Gerechtigkeit und einer Gesellschaft, in der die Rechte aus der Verfassung und den Gesetzen vollständig verwirklicht werden. 

Jadranka Milicevic ist Direktorin der bosnischen CURE-Stiftung, in der sich Frauen solidarisch für sozialen Wandel und die Überwindung patriarchaler Normen engagieren. Das Interview wurde in gekürzter Fassung zuerst im Herbstprogramm der Akademie veröffentlicht. 

Porträtfotos von Dorothee Land und Jadranka Milicevic

© Andrea Ludwig (Porträt Land)/CURE Foundation (Porträt Milicevic)

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