Warum Israel weltweit im Fokus steht

Warum Israel weltweit im Fokus steht

Studienleiter Staffa über die Tradition der Abwertung des Jüdischen

Christian Staffa 2021

© EAzB / Karin Baumann

Von der christlichen Liturgie bis hin zu modernen Verschwörungserzählungen: Antijüdische Denkmuster prägen das Bild von Israel, sagt Christian Staffa. Im Interview mit Belltower.News, dem Internetportal der Amadeu Antonio Stiftung, spricht der Studienleiter über die psychologische Funktion von Feindbildern und die Sehnsucht nach Erlösung. Er unterstreicht die Notwendigkeit, Antisemitismus nicht nur als „Hass auf Juden“, sondern auch als selbstidealisierende Weltanschauung zu verstehen.

Belltower.News: Seit Jahrzehnten titeln Zeitungen „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, wenn es um den Nahostkonflikt geht – ein Zitat aus dem Alten Testament. Gerade dann, wenn es zu gewaltvollen Auseinandersetzungen kommt. Was hat es damit auf sich?

Christian Staffa: Der Begriff für die Formel „Auge um Auge, Zahn um Zahn” lautet „Talionsprinzip”. Sie wird im öffentlichen Diskurs meistens als reine Racheformel gelesen, gerade auch im Umgang mit dem Nahostkonflikt. Dadurch wird sie bei der Berichterstattung über Kriegshandlungen oft als Überschrift gewählt. Der anschließende Bericht beginnt dann bei Israel als „erster Angreifer” – erst später wird deutlich, dass es sich um einen Gegenschlag handelt.
Wird das Talionsprinzip dann falsch verwendet?

In der weiterentwickelten Auslegung wird das Talionsprinzip nicht als Einladung zur Rache, sondern als Begrenzung verstanden: Die Vergeltung darf nicht höher sein als der Schaden, der einem zugefügt wurde. In noch weiter entwickelter Auslegung geht es sogar gar nicht mehr um Vergeltung, sondern um Entschädigung. Die Frage lautet dann: Was macht die zugefügte Beschädigung mit deinem zukünftigen Leben?
Wenn ich also in einem Kampf, den ich nicht verursacht habe, ein Auge verliere, dann bedeutet „Auge um Auge“ nicht, dass ich dem anderen auch das Auge aussteche.

Es bedeutet: Wir finden eine Lösung, die die Nachteile ausgleicht, die mir durch die Verletzung entstehen. Damit ist das klassische Rachemotiv eigentlich vom Tisch. Es geht vielmehr um Interessenausgleich und Interessenvertretung des Geschädigten – und zwar nicht durch eine vergeltende Beschädigung des Täters, sondern durch Entschädigung des Opfers.
Trotzdem verstehen Leser:innen entgegen der eigentlichen Bedeutung des Zitats Israels „Erstschlag” als Rache.

Meine These – nicht endgültig gesichert – ist: Dieses Rachemotiv entsteht eher aus israelbezogenen Antisemitismus. In der christlichen Auslegung von „Auge um Auge“ wird dieses archaische Bild mit mobilisiert: Judentum als Gewalt-Religion, Christentum als Liebes-Religion – Jesus, der zur Feindesliebe aufruft, versus „Gewalt“ des Gesetzes.

Das ist in großen Teilen eine Projektionsleistung: Christliche Rache- und Gewaltwünsche werden auf das Judentum ausgelagert, während man das eigene Ideal der Feindesliebe hochhält.

Welchen Nutzen hat diese Gegenüberstellung für das Christentum?

Damit ich mich als Religion der Liebe verstehen kann, brauche ich ein negatives Gegenbild. Das ist banal formuliert, aber trifft den Kern. Dieses Gegenbild soll das Judentum sein. Für das christliche Selbstbewusstsein war es über lange Phasen – und wahrscheinlich in bestimmten Kreisen bis heute – wichtig, das eigene Gute durch die Abwertung des Jüdischen zu stabilisieren.

Dazu kommt ein theologisch schwer auflösbares Problem: Wir glauben, durch Kreuz und Auferstehung erlöst zu sein – und gleichzeitig ist die Erlösung offensichtlich nicht vollständig geschehen. Diese Spannung haben viele in der Kirchengeschichte schlecht ausgehalten. Also wurde der Mangel externalisiert: Die „unerfüllte Erlösung“ wurde als Schuld der Juden gedeutet. So entsteht der absurde Gottesmordvorwurf: theologisch unsinnig, historisch falsch – aber wirkmächtig. Und er funktioniert bis heute in säkularer Form.

Das heißt?

Es gibt auch im Säkularen eine Sehnsucht nach Erlösung: Sozialismus, Nationalismus und auch die Demokratie versprechen sie zwar, können aber schlussendlich trotzdem keine Erlösung liefern. Das führt dazu, dass Menschen Erklärungen für ihr Ausbleiben suchen. Im religiösen Kontext heißt das, „die Juden“ sind verantwortlich: Sie hätten Jesus verraten, umgebracht – all diese Motive, die historisch nicht stimmen, aber ins Glaubensgerüst zur Stabilisierung des Selbstbildes hineingelesen wurden.

Im säkularen Kontext wandern diese Muster in Verschwörungserzählungen: Irgendjemand zieht im Hintergrund die Fäden, ist schuld daran, dass das Versprechen – etwa das der Demokratie – nicht aufgeht. Das ist im Kern dieselbe Struktur: Jemand soll die Verantwortung tragen für das gebrochene Heils- oder Glücksversprechen.

Was hat das mit Israel zu tun?

In der christlichen Tradition war der Verlust des Landes Israel ein Beleg dafür, dass Gott sich von Israel abgewandt hat. Das Land galt als „Spiegel“ der Gottesbeziehung; verschwindet der Spiegel, ist – so die Logik – die Beziehung beendet. Die Gründung des modernen Staates Israel stellt dieses Modell massiv infrage.1980 formulierte die Evangelische Kirche im Rheinland: Die Gründung des Staates Israel sei ein Zeichen der Treue Gottes. Das löste heftigen Protest aus, gerade von konservativen Theologen, die das als unzulässige Geschichtstheologie kritisierten.

Luther selbst schrieb: Wenn die Juden wieder in ihr Land kämen, müsste er ihnen folgen und selbst Jude werden. Daran sieht man, wie zentral dieses Motiv war: Landverlust als Gottesferne, Landerhalt oder -rückgewinn als Gottesnähe.

Meine These ist, dass das auch säkular eine Bedeutung haben muss. Anders ist kaum erklärbar, warum Israel so im Fokus des weltweiten Interesses steht – und zwar keineswegs nur in Deutschland. Im globalen Süden kommt noch die Wahrnehmung hinzu, Israel sei ein besonders „erfolgreicher“ Fall eines im antikolonialen Kontext entstandenen Staates; das erzeugt eigene Spannungen.

Man kann also zusammenfassen: Antijudaistische Motive finden sich selbst im Säkularen. Doch gängige Antisemitismusdefinitionen klammern antijudaistische Motive oft aus.

Diese antijudaistischen Motive ermöglichen es, die Widersprüche im eigenen Glauben – oder in der eigenen Gesellschaft – nach außen zu verlagern. Das Judentum wird zur Negativfolie, gegen die man sich selbst als gut erleben kann.

In gängigen Definitionen – etwa der IHRA-Arbeitsdefinition oder der Jerusalemer Erklärung – kommt diese Selbstbilddimension kaum vor. Mir ist wichtig, dass wir Antisemitismus nicht nur als „Hass auf Juden“ definieren. Denn dabei geht es nicht nur um Hass, sondern um die Stabilisierung eines angeknackten christlichen Selbstbildes.

Zudem sind Verschwörungsbilder nicht immer hasserfüllt, sondern zunächst Welterklärungsmodelle. Sie ordnen Komplexität und geben das Gefühl, die eigene Kränkung verstanden zu haben. Antisemitismuskritik stellt daher immer auch die Fragen: Was bringt es mir, das Judentum so negativ zu zeichnen? Welche Funktion erfüllt dieses Bild für mein eigenes Selbstverständnis?

Wie sähe deiner Meinung nach eine Antisemitismusdefinition aus, die das abdeckt?

Zum Verstehen brauchen wir ein Mehr-Ebenen-Modell: Motive, Funktionen, Selbstbild, Geschichte, Ökonomie, Psychodynamik. Eine reine dreisätzige Kurzformel „Feindschaft/Hass gegen Juden“ reicht nicht aus, um Antisemitismus zu fassen.
Die Frage ist auch: Brauchen wir überhaupt eine knappe Definition? Rechtlich dienen solche Kriterien dazu, Straftatbestände einzuordnen. Aber das erklärt Antisemitismus nicht, das strukturiert nur die Rechtsanwendung.

Zurück zur Kirche. Wo findet man heute in der Liturgie antijudaistische Motive?

Ein Beispiel ist die „Kannibalisierung“ der Psalmen: Wir eliminieren die schwierigen, gewaltvollen Verse und machen aus den Psalmen harmlose Erbauungstexte. Eben auch, um das Christentum als Religion der Gnade und Liebe stilisieren zu können. Das ist nicht bewusst antijüdisch gemeint, aber es nimmt der Bibel ihre ganze Breite – auch als Raum für Aggression und Verzweiflung.

Deutlicher wird es in der Abendmahlsliturgie: „In der Nacht, da er verraten ward…“. Dieses Verratsmotiv ist eines der zentralen antisemitischen Motive – und wir wiederholen es liturgisch ständig. Das sollten wir dringend ändern.

Dann gibt es Feinheiten: Christ:innen sprechen den aaronitischen Segen, einen Segen aus dem Alten Testament, also aus der jüdischen Tora. Viele bekreuzigen sich schon während des Sprechens. Eigentlich sollte man sich erst danach bekreuzigen, um zu zeigen: Dieser Segen ist auch unser Text, aber eben nicht nur unserer. Denn es gibt eine jüdische Eigenbedeutung, die nicht christlich überblendet werden darf.

Ähnlich bei Bibellesungen: In vielen Gemeinden steht man bei neutestamentlichen Texten auf und bleibt alttestamentlichen Texten sitzen. Das sind symbolisch sprechende Hierarchien.

Gäbe es denn das Christentum ohne Antijudaismus?

Spontan würde ich sagen: Ja, natürlich. Historisch muss man aber anerkennen, dass der Antijudaismus eine tragende Rolle in der Formierung des Christentums gespielt hat. Spannend ist, dass wir aus der Judaistik der letzten 15 Jahre wissen: Die Trennung von Kirche und Synagoge war viel langsamer, viel durchlässiger, als lange angenommen. Es gab lange Phasen, in denen Christ:innen zu jüdischen Gottesdiensten gingen und umgekehrt – das zeugt von einer Beziehungsgeschichte und nicht nur Feindschaft. Mit den Kreuzzügen kommt jedoch eine massive Brutalisierung hinzu, Ausschluss bis hin zur Ghettoisierung folgen. Da verschränken sich theologische, politische und soziale Faktoren.

Ich glaube: Wenn das Christentum eine Zukunft haben will, muss es ohne Antijudaismus existieren. Es kann nur in einer Form überleben, die sich vom Antijudaismus distanziert und vom Judentum lernt – theologisch, geistlich und ethisch.

Bildstörungen

Bildstörungen

Elemente einer antisemitismuskritischen pädagogischen und theologischen Praxis

Antijudaismus schafft Zerrbilder, die oft subtil und nur mit geschultem Blick zu erkennen sind. Wer sich einen „Pharisäer“ im Café bestellt, der scheinheilig Alkohol im Kaffee versteckt, wird das meist nicht im Bewusstsein tun, sich gerade an einer antisemitischen Denunziation zu beteiligen. Dabei …

Antisemitismuskritik und Israel

Orientierungshilfe für den Unterricht und in der Bildungsarbeit

Antisemitische Bilder und Mythen sind tief in den Köpfen und Herzen der Menschen verwurzelt und oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Überall – in den Medien, in der Popkultur oder in Schulbüchern – begegnen uns antisemitische Narrative. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. …

Teilen

Dr. Christian Staffa

Studienleiter Demokratische Kultur und Kirche

Telefon (030) 203 55 - 411

Anmeldung
Newsletter
nach oben

Cookies und Datenschutz

Unsere Webseite nutzt Cookies zur Verbesserung der Bedienung und des Angebots sowie zur Auswertung von Webseitenbesuchen. Einzelheiten über die von uns eingesetzten Cookies und die Möglichkeit diese abzulehnen, finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.