Fragen nach dem ungelebten Leben

Fragen nach dem ungelebten Leben

Filmgespräch zu zwei Kurzdokumentationen

Sechs überwiegend junge Frauen und ein Mann auf einer Bühne sitzend vor einer Filmleinwand

© cinemova

Wie eignen sich junge Menschen einen städtischen Raum an? Wie finden sie Heimat, wenn ein Krieg ihre vertraute Welt von einem Tag auf den anderen zerstört? Bei einem Filmabend im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt haben Regisseurinnen, Protagonistinnen und Publikum anhand der Kurzfilme „Brief an Berlin“ und „Teen Angst“ über Identität, Ankommen und das Aufwachsen zwischen zwei Welten diskutiert.

Berlin trägt die Narben seiner Geschichte in den Fassaden – Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg, Brüche im Beton, Spuren vergangener Teilung und Zerstörung. Für viele Berlinerinnen und Berliner sind diese Zeichen längst alltäglich geworden, kaum noch bewusst wahrgenommen. Ganz anders ist das in der Ukraine: Dort ist der Krieg keine historische Erinnerung, sondern gegenwärtige, tagtägliche Realität, die Städte zerstört und Biografien zerreißt. 

Dazwischen stehen junge Menschen, die schlicht nach einem friedlichen Ort zum Leben suchen, sich nach Zugehörigkeit sehnen und erwachsen werden wollen. Unter dem Titel „Jung sein in unsicheren Zeiten“ haben die Werkstatt TROTZDEM! der Evangelischen Akademie zu Berlin und der Verein CineMova Ukrainian Empowerment Network zu einem Film- und Gesprächsabend eingeladen, der dieses Spannungsverhältnis ins Zentrum stellte. 

Empfohlener externer Inhalt: YouTube-Video

Hassliebe zur Metropole: „Brief an Berlin“

Der Kurzfilm „Brief an Berlin“ – entstanden in einem Projekt der Evangelischen Akademie – nähert sich der Stadt aus der Perspektive junger Erwachsener an. Die Protagonist:innen sprechen Berlin in ihren Gedanken wie einen Menschen an. Auf diese Weise macht der 11-minütige Kurzfilm ihr vielschichtiges, oft widersprüchliches Verhältnis zur Hauptstadt sichtbar: Berlin als Projektionsfläche zahlloser Chancen und Freiheiten, aber gleichermaßen als rauer, grauer und bisweilen einsamer Ort. 

Auch geflüchtete junge Menschen aus der Ukraine teilen in dem Film diesen suchenden Blick. Wie eignet man sich einen städtischen Raum an? Wem gehört die Stadt eigentlich? Und wie lässt sich Vertrautheit fassen an einem Ort, der zugleich fasziniert und überfordert? 

Raster aus drei mal drei Video-Standbildern von Jugendlichen, die in unterschiedlichen Zimmern direkt in die Kamera schauen

© tu_mariupol/bridgeworks

Alltag in Krieg oder Exil: „Teen Angst“

Das emotionale Zentrum des Abends bildete die Vorführung von „Teen Angst“. Der 38-minütige Film zeigt junge Ukrainerinnen, die mit Smartphone-Kameras ihren Alltag festhalten und dabei auch persönliche Themen wie die eigene Fernbeziehung, die Suche nach dem richtigen Studium oder die Leidenschaft zum Tanzen zur Sprache bringen. Einige von ihnen leben heute im Exil in Deutschland, andere sind in der Ukraine geblieben. Der Film rückt eine junge, weibliche Zivilbevölkerung in den Fokus und damit eine Perspektive, die im lauten medienpolitischen Diskurs um Waffenlieferungen und Frontverläufe kaum gehört wird. 

Die Bilder zeigen das Private im Ausnahmezustand: Angst vor Luftalarmen, Trennung von Familie und Freunden, aber eben auch Freundschaft, Humor, das Festhalten an Routinen und die unbändige Sehnsucht nach Normalität. „Ich fange an, alles aus der Zeit vor dem großen Krieg zu vergessen. Als hätte mein Leben am 24. Februar 2022 begonnen“, fasst dies eine der Protagonistinnen in Worte.

Empfohlener externer Inhalt: Vimeo-Video

Gefühl der Parallelwelten

Im Podiumsgespräch mit den Regisseurinnen Inga Pylypchuk („Teen Angst“) und Gabriela Zorn („Brief an Berlin“) sowie mit Protagonistinnen aus beiden Filmen wurde deutlich, wie sehr das eigene Dasein für Ukrainer:innen seit dem Beginn des umfassenden russischen Angriffskriegs von einem Gefühl der Parallelwelten bestimmt ist. Junge Menschen finden sich unvermittelt in Existenzen wieder, die sie sich nie ausgesucht haben: Wo Gleichaltrige in Deutschland das Leben an der Spree genießen oder auf Partys gehen, müssen sie plötzlich entscheiden, ob sie Zuflucht in einer fremden Stadt suchen und die Großeltern in der Ukraine zurücklassen oder selbst zur Verteidigung des Landes beitragen. 

Immer wieder schwang im Saal die Frage nach dem ungelebten Leben mit – nach jenem „Paralleluniversum“, in dem das Leben im Frieden einfach weitergegangen wäre. Berlin und Deutschland wären für viele dieser jungen Frauen dann vielleicht eine ferne Metropole, ein fernes Land geblieben. Durch die Gewalt des Krieges ist es nun Zufluchtsort und Neuanfang zugleich. 

Die Veranstaltung machte eindrücklich bewusst, was im strategischen Blick auf weltpolitische Konflikte allzu leicht verblasst: Krieg trifft immer konkrete Menschen mitten in ihrem Werden. Die Filmprojekte und das Gespräch über sie schufen einen Raum, in dem Schmerz, Widerstandskraft und Identitätsfindung sichtbar und geteilt werden konnten.

Die gemeinsame Veranstaltung von CineMova Ukrainian Empowerment Network e.V. und der Evangelischen Akademie zu Berlin fand im Rahmen von „Parcours der Stimmen Europas“ statt, einer Veranstaltungsreihe von Migrantas e.V. in Kooperation mit der Stadtbibliothek Neukölln.

Sie wurde gefördert durch das Programm „Berlin lebt Europa 2026“ der Senatskanzlei Berlin – Der Regierende Bürgermeister sowie vom Kinder- und Jugendplan des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) im Rahmen der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (et).

Zwei Jugendliche tanzen in einem Hinterhof mit Graffiti auf einer Tonne und einem Einkaufswagen

Brief an Berlin

Junge Erwachsene drehen Kurzfilm über ihr Leben in der Stadt

Geschichten über das Aufwachsen in Berlin sind so vielfältig und voller Gegensätze wie die Stadt selbst. Im Mittelpunkt des Kurzfilms "Brief an Berlin" steht die Frage, wie Räume für junge Menschen in Berlin aussehen sollten: Was ist nötig, um für junge Erwachsene ein gutes Aufwachsen in Berlin zu …

Trotzdem! Die Werkstatt der Evangelischen Akademie zu Berlin.

TROTZDEM!

Die Werkstatt der Evangelischen Akademie zu Berlin

Es geht ums Ganze: Ob Klimawandel, wachsende Ungleichheit oder neue Kriege in Europa, um nur ein paar Beispiele zu nennen – die Herausforderungen der Gegenwart scheinen unlösbar. Gegen Perspektiv- und Mutlosigkeit setzen wir Trotz und Hoffnung. Denn gerade jetzt ist der Moment, die Zukunft …

Teilen

2026 24 Sep

Gemeinschaftshaus Gropiusstadt

Jung sein in unsicheren Zeiten

Filmgespräch zu den Dokumentarfilmen "Brief an Berlin" und "Teen Angst"

Zwei dokumentarische Kurzfilme zeigen persönliche Perspektiven auf das Erwachsenwerden in einer von Unsicherheit geprägten Zeit. "Brief an Berlin" ist eine Annäherung junger Menschen an ihre Stadt; in "Teen Angst" begleitet die… weiter
Dr. Hannah Schilling 2021

Dr. Hannah Schilling

Studienleiterin gesellschaftspolitische Jugendbildung

Telefon (030) 203 55 - 311

Trotzdem! Die Werkstatt der Evangelischen Akademie zu Berlin
Cinemova
et Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
BMBFSFJ und KJP
Anmeldung
Newsletter
nach oben

Cookies und Datenschutz

Unsere Webseite nutzt Cookies zur Verbesserung der Bedienung und des Angebots sowie zur Auswertung von Webseitenbesuchen. Einzelheiten über die von uns eingesetzten Cookies und die Möglichkeit diese abzulehnen, finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.