Texte über eine Leidensfigur in jüdischer und christlicher Auslegung
Jesajas aufrüttelnde Beschreibungen des Gottesknechts, einer Gestalt voller Schmerzen und Krankheit, die verachtet, gemartert und zur Schlachtbank geführt wird, ist in der christlichen Tradition eng mit der Passion Jesu Christi verbunden. Das Buch Jesaja ist, historisch gesehen, inmitten der traumatischen Ereignisse von Krieg und Vertreibung ins babylonische Exil zu verstehen. Die jüdische Tradition hat den Gottesknecht als personifiziertes Volk Israel verstanden; die christliche Kirche dagegen hat die Texte über das stellvertretende Leiden dieser Figur zunehmend als „Beweise“ der Vorhersagung eingesetzt, um jüdische Menschen zum Glauben an Jesus Christus zu zwingen. Sarah Döbler verfolgt die historischen Traditionslinien unterschiedlichen Lesarten und zeigt, wie man diese prophetischen Texte ohne eindeutige Identifizierung der Figur verstehen kann.
In unserer Reihe Antisemitismuskritische Bibelauslegungen stellen wechselnde Exeget*innen neue Bibelauslegungen vor, die der tradierten Stereotypisierung von Juden, Jüdinnen und Judentum entgegentreten.
Dr. Sarah Döbler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Marburg; ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der jüdischen Bibelauslegung und der Jesaja-Forschung.
Erschienen am 06.08.2026
Aktualisiert am 24.08.2026