Antithese oder jüdische Tora-Auslegung?
Dass sich Jesus über und gegen „das Gesetz“ gestellt habe, ist ein bleibend hartnäckiges Klischee. Dabei werden die matthäischen Eingangsworte „Ihr habt gehört, dass gesagt ist … Ich aber sage euch“ (Mt 5) als Gegensatz und Antithese (miss)verstanden. Tatsächlich handelt es sich hier um eine Figur der üblichen jüdischen Auslegungsrhetorik, in der zunächst die Tora zitiert wird, um die Weisung auf die konkrete Situation und den aktuellen Moment anzuwenden. Martin Vahrenhorst liest die Bergpredigt im Licht der Einleitungsthese: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen … Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“ (Mt 5,18-19). Er ordnet die Worte der Bergpredigt ein in jüdische Auslegungstraditionen der Tora.
In unserer Reihe Antisemitismuskritische Bibelauslegungen stellen wechselnde Exeget*innen neue Bibelauslegungen vor, die der tradierten Stereotypisierung von Juden, Jüdinnen und Judentum entgegentreten.
Prof. Dr. Martin Vahrenhorst ist Professor für Neues Testament an der Fachrichtung Evangelische Theologie an der Universität des Saarlandes. Lange Jahre war er Studienleiter bei Studium in Israel e.V., einem Programm zur Förderung des christlich-jüdischen Dialogs in Jerusalem.
Erschienen am 13.08.2026
Aktualisiert am 24.08.2026