Herodes und der Kindermord
Tanja Oldenhage über die fatalen Folgen einer Umdeutung
Tania Oldenhage führt in die Geschichte der Stadt Paris zurück: Dort wurde im 12. Jahrhundert die biblische Erzählung von der Flucht Jesu vor dem König Herodes zur Keimzelle der Ritualmordlüge. Der Text des Evangelisten Matthäus, der die Bedrohung Jesu auf die im Ersten Testament beschriebene Gefährdung Moses durch den Pharao bezieht, wird vom französischen König Phillip IV. bewusst umgedeutet. Um die Pariser Juden zu vertreiben, ihr Vermögen einzuziehen und ihr Wohnviertel einzugliedern, machte er Herodes zum Kindermörder und damit zum biblischen Prototypen jüdischer Grausamkeit und Blutrunst. Bis heute wird diese Lüge politisch benutzt, um Jüdinnen und Juden (und den Staat Israel) zu diffamieren.
In unserer Reihe Antisemitismuskritische Bibelauslegungen stellen wechselnde Exeget*innen neue Bibelauslegungen vor, die der tradierten Stereotypisierung von Juden, Jüdinnen und Judentum entgegentreten.
Dr. Tania Oldenhage ist Privatdozentin an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.
Erschienen am 07.05.2026
Aktualisiert am 07.05.2026



