Matthias Ederer über die Bindung Isaaks
Abraham soll seinen eigenen Sohn opfern, so hat es Gott geboten – und damit scheint diese biblische Geschichte von einem grausamen Gott und blindem Fanatismus zu erzählen. Matthias Ederer arbeitet mit dem hebräischen Text und öffnet neue Perspektiven.
Er legt den Schwerpunkt auf Isaak, der kein Kind ist, sondern als erwachsener Mann das schwere Holz für die verlangte Opferung trägt und freiwillig auf den dafür bestimmten Berg steigt. Er ist Subjekt des „Glaubenstestes“ – nicht nur Abraham. Das hebräische Wort für diesen „Test“ taucht auch in einer anderen Erzählung auf: als die Israeliten hungrig durch die Wüste irren und von Gott mit Manna beschenkt werden, das aber immer nur für einen Tag ausreicht (außer am Schabbat). Sie müssen ihr Überleben jeden Tag erneut ins Gottes Hand legen.
Ederer argumentiert, dass mit der Bindung Isaaks die Erfahrungen einer bedrohten Exilgemeinschaft literarisch verarbeitet werden, die immer wieder nur knapp im Vertrauen auf den einen Gott und dessen Verheißungen überlebt. Ohne antijüdische Klischees wird diese klassische Geschichte theologisch tiefsinnig und literarisch vielschichtig.
In unserer Reihe Antisemitismuskritische Bibelauslegungen stellen wechselnde Exeget:innen neue Bibelauslegungen vor, die der tradierten Stereotypisierung von Juden, Jüdinnen und Judentum entgegentreten.
Prof. Dr. Matthias Ederer arbeitet seit 2020 als Professor für Exegese des Alten Testaments an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern (Schweiz).
Erschienen am 21.10.2026
Aktualisiert am 21.10.2026